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Zwei Länder, eine Plattform

Ewig nichts mehr gepostet. Irgendwie hatte ich nie die Lust dazu und an Zeit mangelte es mir auch. An Themen hingegen nicht, im Gegenteil, ich glaube, es war eher der Überfluss an youtubebezogenen Dingen, über die ich hätte schreiben können, der dazu geführt hat, dass ich genau das nicht gemacht hab. Neben der Welle an ehrlichen Videos größerer deutscher YouTuber, sowohl zum Thema Fans als auch zu einigen anderen Dingen, die es vor Kurzem gab, und die, glaube ich, auch noch nicht vorbei ist (und zu der auch das von mir vor über zwei Monaten geteilte Video von Luna gehört/e), gab es da ja auch noch einiges an Tweef, neue Meilensteine in Sachen Abonnentenzahlen, und was nicht sonst noch alles. Keine Ahnung, ob ich diesen Themen irgendwann mal einen (oder eher mehrere) Post(s) widmen werde. Eigentlich laufen solche Themen ja nicht weg, ande-rerseits sind sie aber auch immer irgendwie nur vorübergehend aktuell, obwohl sie sich in vielen Fällen auf ganz grundsätzliche Dinge beziehen, die es in der YouTube-Welt schon immer gab, oder jedenfalls spätestens, seit das Ganze zu einer Industrie geworden ist. Und ich verwende das Wort „Industrie“ hier mit Absicht, weil viele dieser Themen überhaupt nicht diskutiert würden/werden müssten, wenn Geld keine Rolle spielen würde.

Egal. Heute jedenfalls soll es um was anderes gehen. Seit einiger Zeit bin ich studiumsbedingt in Nordengland. Wie man auf diesem Blog an der ein oder anderen Stelle schon gemerkt hat, interessiere ich mich ziemlich stark für die britische YouTube-Szene. Ich bin zwar, nachdem ich durch einen hier auch schon mindestens zwei Mal erwähnten britischen Vlogger, der inzwischen nicht mehr aktiv ist, überhaupt so richtig in die YouTube-Welt eingestiegen war, vorrangig auf deutsche Kanäle gestoßen, aber irgendwann kamen nach und nach immer mehr britische YouTuber dazu. Und heute sind fast alle Kanäle, die ich so richtig aktiv verfolge (sprich: jedes Video auch wirklich bis zum Ende anschaue) in dem Land ansässig, in dem ich mich gerade aufhalte. Ich glaub, ich hab das schonmal angedeutet: einen Vergleich zwischen der YouTube-Szene in Deutschland und hier im Vereinigten Königreich (ich weiß, die Engländer haben es lieber, wenn man nur von England spricht, aber ich betrachte hier sowohl englische als auch schottische, walisische und nordirische YouTuber, auch wenn sich in meiner Aboliste meines Wissens nach keiner der Letztgenannten befindet) finde ich sehr interessant. Und jetzt, wo ich schon eine Weile hier bin, habe ich das Gefühl, dass ich ebendiesen Vergleich nun auch tatsächlich anstellen kann beziehungsweise, dass ich jetzt mehr weiß.

Bei kaum einem Thema bin ich bisher ohne Hinweise bezüglich meiner eigenen Fehlbarkeit ausgekommen. So auch jetzt. Ich möchte vorab einiges klarstellen. Erstens, und das ist wohl am wichtigsten, ich habe weder über die deutsche noch über die britische YouTube-Szene einen vollständigen Überblick, und das will ich auch gar nicht. Ich interessiere mich nur für bestimmte Themen und Arten von Videos, ich abonniere niemanden nur aufgrund seines Erfolgs, und von so manchem ganz großen YouTuber aus beiden Ländern habe ich noch nie auch nur ein einziges Video gesehen. Deshalb ist das, was folgt, sehr subjektiv, wie alles auf diesem Blog. Zweitens habe ich hier in England nur mit einer relativ kleinen und ziemlich homogenen Gruppe von Leuten persönlich zu tun, und zwar fast ausschließlich mit Studenten in meinem Alter. Ich kenne keine Teenager persönlich und auch keine alten Leute, was meine Eindrücke in mancher Hinsicht „verfälschen“ könnte, ebenso wie die Tatsache, dass ich hier in einer relativ kleinen Stadt wohne. Drittens ist natürlich nichts von dem, was ich hier schreibe, eine absolute Tatsache, und das möchte ich auch nicht behaupten. Abgesehen von Abonnenten- und Viewzahlen habe ich keine Statistiken zur Hand, die meine Thesen belegen könnten, und ich werde auch nicht danach suchen. Es geht hier nur um meine Eindrücke und die sind, ebenso wie die Gedanken, nach denen dieser Blog benannt ist, subjektiv. Viertens möchte ich noch sagen, dass ich nicht vorhabe, die YouTube-Szene der beiden Länder noch mit irgendwelchen anderen Ländern zu vergleichen. Neben britischen und deutschen YouTubern befinden sich in meiner Aboliste nur vereinzelte Kanäle aus Australien, Neuseeland, Österreich, den USA, den Niederlanden, Dänemark und Norwegen, was andere Länder angeht, habe ich also erst recht keinen umfassenden Überblick. Ich glaub, das war alles, worauf ich hinweisen wollte. Ich fang dann mal an.

Zunächst einmal fallen natürlich Unterschiede beim Content auf. In Deutschland ist die Let’s-Play-Szene einfach riesig und man hat das Gefühl, es kommen jeden Tag tausend neue Kanäle hinzu, die sich dem Gaming widmen. Ich habe kein großes Interesse an Gaming und die Let’s Player, die ich abonniert habe, haben mein Abo im Grunde nur bekommen, weil ich sie als Person sympathisch und interessant finde und, falls vorhanden, ihre Vlogs gerne sehe. Wenn ich mir mal ein Let’s Play anschaue, dann nur, wenn der Titel vermuten lässt, dass der/die YouTuber in dem Video interessante Dinge anspricht/ansprechen. Und dann sitze ich jedes Mal da und verstehe nicht, wie Minecraft funktioniert und warum die Person sich nicht einfach so hingesetzt und über das Thema gesprochen hat. Das bedeutet nicht, dass ich nicht nachvollziehen kann, was den Reiz von Let’s Plays ausmacht (unter anderem wohl die spontanen und oft lustigen Reaktionen der Spieler auf das, was im Spiel – oft unvorhergesehen – passiert), es bedeutet nur, dass ich persönlich andere Videos bevorzuge. Hier in England jedenfalls sind Let’s Plays nicht so groß, soweit ich das beurteilen kann, oder jedenfalls nicht so „Mainstream“. Zwar haben zwei der erfolgreichsten britischen YouTuber, Dan und Phil (die ich übrigens auch beide gerne sehe und die mir in diesem Post vermutlich noch öfter als Beispiele werden dienen müssen), vor noch nicht allzu langer Zeit einen gemeinsamen Gaming-Kanal gestartet, aber ihre Gaming-Videos sind anders als beispielsweise die von Gronkh. Es geht auf „DanAndPhilGames“ im Grunde nur um eine Erweiterung der üblichen Videos der beiden um eine weitere Facette, um einen neuen Hintergrund, vor dem sie so sind, wie man sie schon seit Jahren als YouTuber kennt. Jedenfalls empfinde ich es so. Ich weiß nicht so recht, wie ich das beschreiben soll, aber ich glaube, es reicht vollkommen, sich ein einziges Video auf besagtem Gaming-Kanal anzugucken - vielleicht am besten das bisher einzige Minecraft-Video, das sagt so ziemlich alles - , um zu verstehen, wie ich das meine.

Ich habe den Eindruck, dass hier das gute alte Vlogging das beliebteste Genre ist. Während in Deutschland Y-Titty mit ihren Sketchen mehr oder weniger die ersten waren, die so richtig bekannt und beliebt wurden, war es hier der Vlogger Charlieissocoollike (den ich ebenfalls gerne mag), der als erster YouTuber im Land die 1-Million-Abonnentenmarke knackte. Und auch Dan und Phil sind Vlogger, ebenso wie viele, viele andere erfolgreiche YouTuber in diesem Land. Sie (fast) alle sind Personen, die mit ihrer Persönlichkeit überzeugen. Ich weiß, in Internetzusammenhängen muss man mit dem Begriff „Persönlichkeit“ seeehr vorsichtig sein. Natürlich ist niemand auf YouTube genau so wie im normalen Leben. Ich meine mit „Persönlichkeit“ hier die Art und Weise, wie die Personen sich in ihren Videos verhalten, wie sie sprechen und worüber sie sprechen. Die Briten gelten ja allgemein als ein Volk, das in keiner Lebenslage ohne Humor auskommt, und das ist für mich auch genau das, was die meisten britischen Vlogger auszeichnet: sie sind witzig, sie können über sich selbst genau so lachen wie über andere. Und sie sind eloquent und wissen, wie man Geschichten erzählt. Wäre das nicht der Fall, würde sich wohl kaum jemand ansehen und anhören, wie Dan von dem Tag berichtet, an dem er einen Sonnenstich bekam. Würde ich eine solche, im Grunde doch banale, Geschichte in die Kamera sprechen – das würde keine Sau interessieren. Natürlich ist besagtes Video von Dan aus einer Zeit, in der er schon sehr erfolgreich war, so dass es kaum verwunderlich ist, dass es aktuell fast 3 Millionen Views hat. Aber Dan wäre ja nie zu einem YouTuber geworden, dessen Videos Klickzahlen in dieser Größenordnung erreichen, wenn er nicht irgendwas hätte, das dazu führt, dass Leute acht Minuten ihres Lebens damit verbringen, sich eine Episode aus seinem Familienurlaub in Marokko anzuhören. Ich will übrigens gar nicht behaupten, dass YouTuber, die sich anderen Genres verschrieben haben, nicht mit ihrer Persönlichkeit überzeugen (müssen), aber Vlogger haben eben keine Computerspiele, Beautyprodukte, Outfits of the Day oder andere Hilfsmittel, die neben der eigenen Person einen Beitrag zum Erfolg – oder Misserfolg – eines Videos beitragen können.

Ein weiterer Unterschied liegt, so kommt es mir vor, darin, dass in Deutschland unter einem Vlog meist etwas anderes verstanden wird als hier. Während der Großteil der Videos der erfolgreichen britischen Vlogger im Grunde auf dem einfachen Prinzip YouTuber + Kamera + Story beruht (wobei die Story vorher zurechtgelegt werden oder aber vollkommen spontan erzählt werden kann), ist ein Vlog bei deutschen YouTubern meist das, was man auch als „Follow Me Around“ oder kurz „FMA“ bezeichnet. Da geht es meistens darum, den Zuschauern zu zeigen, wie ein Tag oder eine bestimmte Phase im Leben des YouTubers grob abläuft, und zwar häufig eines YouTubers, der hauptsächlich für eine ganz andere Art von Videos bekannt ist. Meistens wird zu besonderen Anlässen gevloggt, auf Reisen, bei den Videodays, beim Umzug, zu Karneval oder was auch immer. Ich kenne nur wenige deutsche YouTuber, die sich "hauptberuflich" einfach nur hinsetzen oder hinstellen und in die Kamera sprechen, und noch weniger, die dabei einfach aus ihrem Leben erzählen und nicht etwa über ein allgemeines, zum Beispiel gesellschaftskritisches, Thema reden.

Eine andere hier in good old UK sehr verbreitete Videokategorie ist eine, die mir in der deutschen YouTube-Szene fehlt. So richtig aufgefallen ist mir dieser Mangel allerdings erst im Zusammenhang mit Lunas Video von vor ein paar Wochen, in dem sie unter anderem die Frage aufwirft, wie YouTube aus Sicht ihrer Zuschauer sein sollte, beziehungsweise was diese sich wünschen würden. Ich spreche von der Kategorie der Kurzfilme, auch wenn ich mit diesem Oberbegriff nicht ganz glücklich bin, da ich nicht nur Kurzfilme im eigentlichen Sinne meine, sondern auch noch kürzere Videos, die nicht unbedingt eine Geschichte erzählen und auch nicht immer Dialog oder überhaupt gesprochenes Wort enthalten, die aber meist auch eine gewisse Dramaturgie haben und auf ebenso kreative, oft aufwendige und ästhetisch ansprechende Weise gemacht wurden (ein Beispiel für diese Art von Videos ist zum Beispiel der Kanal von Jamie Swarbrick). Klar, auch hier sind Filmemacher wie beispielsweise der meiner Meinung nach absolut geniale Bertie Gilbert nicht unbedingt supergroß – Bertie hat zur Zeit etwa 380.000 Abonnenten – , aber doch recht bekannt, und der ebenfalls sehr empfehlenswerte KickThePJ dürfte nicht mehr allzu lange bis zur Million brauchen (er macht zwar nicht ausschließlich Kurzfilme oder die oben genannte Art kürzerer Videos, aber das dürfte doch das sein, was ihm am meisten am Herzen liegt). Und auch besagter Charlie hat schon Kurzfilme gemacht, ebenso wie das Comedy-Duo Jack & Dean, die allerdings natürlich auch dabei den Fokus auf die Gags gelegt haben. Viele der Personen, die sich diesem Videogenre widmen, haben einen (semi-)professionellen Hintergrund, sind zum Beispiel (ehemalige) Filmstudenten, und sind vermutlich hauptsächlich deshalb YouTuber geworden, weil die Plattform es ihnen ermöglicht, ihre kreative Arbeit auf einfache Weise einem potentiell großen Publikum vorzustellen. Viele von ihnen hätten es auf dem konventionellen Wege vielleicht nie geschafft, mit ihren Werken jemals auch nur einen einzigen Cent (beziehungs-weise Penny) zu verdienen oder zumindest Anerkennung einer doch recht große Zuschauerschar zu bekommen, und ich finde, das zeigt sehr schön, welch großartige Möglichkeiten das Internet im Allgemeinen und eine Plattform wie YouTube im Speziellen den Nutzern bietet. Bei all der Kritik, die – oft zurecht – immer wieder an YouTubern und/oder YouTube-Zuschauern geübt wird, darf man nicht vergessen, dass es auch so viel Positives gibt, was diese Plattform möglich macht, und die Beliebtheit der britschen Kurzfilm-YouTuber (ich nenne sie jetzt einfach mal so) gehört aus meiner Sicht eindeutig dazu. Aber ich kenne eben leider kaum jemanden aus der deutschen YouTube-Landschaft, den ich in diese Kategorie einordnen würde (was nicht heißt, dass es niemanden gibt).

Zum Thema Comedy kann ich nicht so viel sagen, da ich außer Jack & Dean kaum einen britischen Kanal abonniert habe, der so richtig in diese Kategorie fällt. Ich vermute aber auch, dass der Umstand, dass hier, wie weiter oben schon angedeutet, Humor einfach so ein fester Bestandteil des Alltags ist, dazu führt, dass so gut wie jedes Genre Comedyelemente enthält. In Deutschland ist Comedy anscheinend irgendwie ziemlich tot, seit Y-Titty nur noch auf Bühnen und in schlechten Filmen auftreten, und ApeCrime (die ich übrigens vor einigen Tagen tatsächlich deabonniert habe, so viel zum Thema „man müsste viel konsequenter deabonnieren“) auch im Grunde keine gescripteten Sketche mehr machen. Klar, da gibt es noch den ein oder anderen Kanal, der sich der Comedy widmet, aber das ist wirklich nicht mehr so groß wie es einmal war. Was nicht bedeutet, dass YouTube-Deutschland humorlos ist, aber offensichtlich lachen die Zuschauer der deutschen Kanäle zumindest momentan lieber über ungeplante Ausrufe bei einem Let’s Play (wobei sich dabei natürlich auch die Frage stellt, inwieweit die Wünsche der Zuschauer mit dem übereinstimmen, was ihnen „geliefert“ wird, aber das ist ein Thema für sich). Auch zu Beauty, Mode und ähnlichen Themen kann ich übrigens nichts sagen, diese Art von Videos gucke ich überhaupt nicht, weder auf Deutsch noch auf Englisch.

Weiter oben habe ich schonmal über Gesellschaftskritik und ähnliche Themen in den Videos deutscher Vlogger geschrieben (ich denke hier zum Beispiel an FloVloggt oder teils auch Luna). Und das führt mich zu einem Genre, das hier im Vereinigten Königreich meiner Einschätzung nach weniger stark vertreten ist. Das ist wirklich nur ein vages Gefühl, das ich nicht mit irgendwelchen Zahlen und Fakten untermauern kann, aber ich habe den Eindruck, dass es hier auf YouTube entweder darum geht, die Zuschauer zum Lachen zu bringen oder aber Kreativität und Talent auszuleben. Manchmal trifft auch beides auf einander, diese Dinge schließen sich ja nicht gegenseitig aus. Themen wie Politik, Gesellschaft oder auch die Sorgen junger Menschen werden hier eher indirekt angesprochen, zum Beispiel in Form von Kurzfilmen, in denen die Charaktere gewissermaßen stellvertretend für diese Themen stehen. In Deutschland hingegen wird, wenn solche ernsten Themen behandelt werden, zumeist sehr direkt über Meinungen, Erfahrungen und Idealvorstellungen gesprochen und der Zuschauer häufig dazu aufgefordert, sich zu dem Thema Gedanken zu machen und gerne auch selbst zu äußern. Ein besonders großartiges Beispiel dafür in der deutschen YouTube-Szene sind die „Stammtische“ von Marie Meimberg, aber auch viele andere YouTuber (wie zum Beispiel FloVloggt) haben in der letzten Zeit Videos zu aktuellen Themen gemacht, die vor allem auf jüngere Zuschauer durchaus Eindruck machen dürften. Hier könnte man jetzt wieder auf das Thema „Vorbildfunktion von YouTubern“ kommen, aber das lasse ich jetzt mal außen vor, vor allem, weil ich keine Ahnung habe, ob es diese Diskussion hier auch gibt, und wenn ja, wie die Briten darüber denken. Ich will auch nicht sagen, dass die eine oder eben die andere Art, auf YouTube mit ernsten Themen umzugehen, die bessere oder gar einzig richtige ist. Mir ist nur aufgefallen, dass die YouTuber, die ich kenne, das unterschiedlich handhaben, wenn sie sich überhaupt mit solchen Dingen beschäftigen – und es ist vollkommen in Ordnung, wenn sie das nicht tun. Inwiefern das etwas mit der Herkunft der jeweiligen Person zu tun hat, kann ich nicht sagen, und vielleicht ist meine Einschätzung, dass solche Themen in Deutschland anders (und vielleicht auch stärker/häufiger/von mehr YouTubern) behandelt werden als hier, auch völliger Schwachsinn.

Nicht nur der Content ist hier nach meinem Eindruck oftmals anders, sondern auch die Art und Weise, wie die Community, oder sagen wir eher: die Gesellschaft oder Öffentlichkeit im Allgemeinen mit YouTube umgeht. Vor ungefähr zehn Tagen fand in London „Summer in the City“ statt, ein großes jährliches Community-Event, bei dem viele YouTuber auftreten und Zuschauer die Chance bekommen, einige von ihnen zu treffen. Das britische Äquivalent zu den Videodays quasi, wobei ich ehrlich gestehen muss, dass ich keine Ahnung habe, in welcher Größenordnung sich SitC im Vergleich zu dem deutschen Großevent bewegt. Das dürfte aber auch keine allzu große Rolle spielen, denn beide dürften in ihrem jeweiligen Land die mit Abstand größte Veranstaltung rund um YouTube und YouTuber sein. Ich war noch nie auf den Videodays und auch noch nie bei SitC. Aber wenn man sich für YouTube interessiert, kann man kaum vermeiden, mitzubekommen, was bei diesen Events so abgeht, und dieses Jahr habe ich relativ intensiv auf Twitter und YouTube verfolgt, wie das Londoner Event gelaufen ist, weil ich das eben für einen wichtigen Teil in diesem Vergleich (oder eher in diesem Versuch eines Vergleichs) halte. Und so weit das Auge reichte: nur Begeisterung für „Summer in the City“, sowohl von Seiten der YouTuber als auch der Zuschauer. Im Gegensatz zu 2014 scheinen dieses Jahr zwar auch die Videodays hauptsächlicht gut angekommen zu sein, aber ich hatte doch das Gefühl, dass die kleinen und größeren Pannen und Enttäuschungen, die der deutschen Veranstaltung für viele immer einen bitteren Nachgeschmack verleihen, in London ausblieben. Keine Ahnung, ob SitC besser organisiert ist oder vielleicht einfach in einer besseren Location stattfindet als die Videodays, oder ob die britischen Zuschauer sich anders benehmen als die deutschen. Das kann ich null beurteilen. Aber die durchweg positiven Äußerungen zu SitC passen ganz gut dazu, wie ich den allgemeinen Umgang der Briten mit YouTube erlebe, deshalb habe ich das Event quasi als Einstieg in diesen Teil des (jetzt schon wieder wahnsinnig langen) Posts gewählt. Außerdem wollte ich es erwähnen, weil mir das Programm sehr gut gefällt, nicht nur, weil neben den großen Stars auch viele kleinere YouTuber auf die Bühne durften (wie beispielsweise die Band Broughton oder der singende Vlogger Daniel J. Layton), sondern auch, weil die vielen Panels das Unterhaltungsprogramm um eine sehr seriöse, ernsthafte Facette erweitern und den YouTubern die Möglichkeit geben, sich als ernstzunehmende, kreative Personen zu zeigen, die sich Gedanken machen und diese auch äußern können.

Ich bezweifle keinesfalls, dass es auch hier jede Menge Fangirls und Fanboys gibt, die in ihrer Begeisterung für bestimmte YouTuber maßlos übertreiben, und ich bin mir sicher, dass auch so mancher britische YouTuber schon gestalkt oder jedenfalls genervt wurde. Ich glaube, das ist ein weltweites Phänomen, nicht nur in Bezug auf YouTuber, sondern auf Stars im Allgemeinen (dass ich YouTuber tatsächlich für Stars halte, konnte man in diesem Blog ja bereits lesen). Ich vermute aber, dass britische YouTuber allein schon aufgrund der Tatsache, dass ihre Videos zumindest theoretisch von einem viel weiter versprengten Publikum geschaut werden als das bei deutschsprachigen Videos der Fall ist, gelassener auf die Straße gehen können als deutsche. Es ist zwar zu vermuten, dass ein Großteil der Abonnenten britischer YouTuber auch in diesem Land lebt, aber gerade bei den richtig großen Kanälen dürften sich die Zuschauer auch auf viele andere Länder verteilen, schließlich wird Englisch nahezu überall verstanden, Deutsch hingegen eher nicht. Ob britische YouTube-Fans ihre Lieblings-YouTuber, wenn sie ihnen dann tatsächlich begegnen, eher in Ruhe lassen beziehungsweise mit Respekt behandeln als deutsche, vermag ich nicht zu beurteilen, aber es geht mir auch gar nicht so sehr um das Verhalten der Zuschauer bei der direkten Begegnung mit den YouTubern. Sondern eher um Fragen wie: wie steht die Gesellschaft allgemein zu YouTube? Wer guckt die Videos? Welchen Stellenwert haben YouTuber? Was erwarten die Zuschauer von ihnen?

Ich habe das Gefühl, dass YouTube und die Tatsache, dass einige Menschen es geschafft haben, mit ihren Videos sehr bekannt zu werden und teilweise davon zu leben, hier schon viel selbstverständlicher und „akzeptierter“ ist als in Deutschland. Und es kommt mir auch so vor, als hätten die Briten schneller und besser verstanden, welches Potenzial in der Videoplattform und ihren erfolgreichen Vertretern steckt, als die Deutschen. Dan und Phil zum Beispiel moderieren hier regelmäßig eine Radioshow, auch Jack & Dean sowie einige andere konnte man schon des Öfteren im Radio hören. Zugegeben, BBC Radio 1 war schon immer ein Sender, der junge Leute anspricht, so dass davon auszugehen ist, dass viele Hörer die YouTuber sowieso schon kannten, aber es werden sich bestimmt auch einige neue Fans gefunden haben, die vielleicht gar nicht mal unbedingt auch die Videos besagter YouTuber gucken, sondern sie hauptsächlich als Radiomoderatoren wahrnehmen. James „Jimmy“ Hill (jimmy 0010) hat dank seines Erfolgs auf YouTube auch schon so einige Moderatorenjobs gehabt, und nicht wenige andere (unter anderem der schon erwähnte Charlie) konnten und können sich ebenfalls über diverse Nebenprojekte freuen. YouTube scheint hier also – von allen Seiten – wirklich als Sprungbrett betrachtet zu werden (was nicht heißen muss, dass die betreffende Person ihren Kanal aufgibt, sobald sie es geschafft hat, auch in anderen Bereichen erfolgreich zu werden). Sowas ist in Deutschland bisher, soweit ich informiert bin, nur in minimalsten Ansätzen zu erkennen, wenn überhaupt. Und wenn, dann wird es von vielen Zuschauern eher kritisch gesehen, da die Devise "Schuster, bleib bei deinen Leisten" unter Deutschen offenbar weit verbreitet ist.

Zu dem soeben beschriebenen Eindruck trägt auch bei, dass viele britsche YouTuber sich einer Fanbase erfreuen können, die nicht nur oder jedenfalls nicht zu einem großen Teil aus Teenies besteht. Oder jedenfalls geben ältere Zuschauer hier offener zu, dass sie regelmäßig Videos bestimmter YouTuber schauen (wobei das vor allem in Bezug auf eher kleinere YouTuber der Fall ist). In Deutschland kommt es mir oft so vor, als würde YouTube schon von Leuten in meinem Alter, die ja gar nicht so viel älter sind als der Durchschnitts-YouTube-Fan, nur milde belächelt und nicht ernstgenommen, und auch von mir weiß kaum jemand, dass ich bestimmte Kanäle gerne und regelmäßig verfolge, geschweige denn, dass dieser Blog existiert. Weil die meisten einfach an kreischende vierzehnjährige Mädels und zockverrückte zwölfjährige Jungs denken, wenn ein Name wie Dner fällt. Hier hingegen habe ich schon Fünfundzwanzigjährige mit Dan-and-Phil-Merch rumlaufen sehen und erst vor Kurzem hat mich jemand in meinem Alter gefragt, ob ich einen guten deutschen YouTuber empfehlen könnte, mit dessen Videos man vielleicht ein bisschen die Deutschkenntnisse aufbessern könnte. Vielleicht ist das nur hier in meinem Umfeld so, das mag sein. Ich würde mir aber jedenfalls wünschen, dass das ein landesweites Phänomen ist. Natürlich sind Studenten Anfang/Mitte Zwanzig nicht komplett anders als Schüler, was ihre Interessen betrifft, und auch hier dürften wohl nur die allerwenigsten Leute jenseits der 30 regelmäßig YouTubern beim Vloggen (oder was auch immer) zuschauen, aber immerhin scheint das Image ein anderes, besseres zu sein als in Deutschland. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass auch hier Kritik geübt wird an YouTubern, die – gefühlt oder tatsächlich – nur an den Profit denken.

Was sofort auffällt, wenn man anfängt, die deutsche mit der britischen Szene zu vergleichen, ist, dass unter deutschen YouTubern offenbar der Wahn grassiert, möglichst oft und möglichst regelmäßig Videos veröffentlichen zu müssen – und hier nicht. Selbst so große YouTuber wie Dan, Phil oder TomSka bringen höchstens einmal die Woche ein neues Video heraus, meist sogar noch seltener und auch nicht immer regelmäßig. Das hat mich, als ich das erste Mal intensiver mit der britischen YouTube-Szene in Berührung kam, sehr erstaunt, war ich es doch aus Deutschland gewohnt, dass viele, YouTuber wie Zuschauer, offenbar nach der Devise „viele Videos = viel Erfolg“ denken und handeln. Ich weiß nicht, ob man daraus schließen kann, dass in Deutschland ein größerer Druck auf den YouTubern lastet (Druck, der nicht unbedingt von den Zuschauern ausgehen muss, sondern auch selbst auferlegt sein kann) als hier, oder ob es in beiden Ländern einfach immer schon so war oder irgendwie so gekommen ist, wie es jetzt ist. Ich hatte das ja schonmal im Zusammenhang mit der Frage, ob das Produzieren von Videos als die Pflicht eines YouTubers angesehen werden kann, angesprochen: ich persönlich bin der Meinung, dass der Uploadrhythmus einzig und allein im Ermessen des betreffenden YouTubers liegt, und Zuschauer, die einen Kanal nur verfolgen wollen, wenn es auf diesem jeden Tag mindestens ein neues Video gibt, sollten besser Daily Soaps gucken. Die britsche YouTube-Szene zeigt ja, dass man durchaus auch erfolgreich sein kann, wenn man maximal einmal pro Woche etwas Neues veröffentlicht. Inwieweit die eben erwähnten Nebenprojekte der YouTuber a) dazu führen, dass sie schon rein aus Zeitgründen nicht mehr Videos machen können, und b) dafür sorgen, dass sie auch bei unregelmäßigen und selten Uploads nicht um ihren Erfolg (und teils auch Verdienst) bangen müssen, kann ich nicht einschätzen. Ebenso wenig kann ich voraussehen, wie sich die Abonnenten- und Viewzahlen von beispielsweise Rewi entwickeln würden, wenn er ab morgen nur noch höchstens ein Video pro Woche hochladen würde. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass seltenere Uploads der Qualität der Videos keinen Abbruch tun würden (nicht nur bei Rewi, sondern generell), im Gegenteil. Vielleicht darf man gar nicht erst anfangen, seine Zuschauer mit täglich neuen Videos zu verwöhnen und sich damit auch selbst unter Druck zu setzen. Und vielleicht sind die britischen Zuschauer einfach anderes gewohnt. Sollte das Gespräch mit den Leuten, mit denen ich hier zu tun habe, nochmal auf das Thema YouTube kommen, werde ich mal erwähnen, dass viele der erfolgreichsten deutschen Kanäle täglich aktualisiert werden, und dann schauen, wie sie reagieren. Sollte es zu diesem „Experiment“ kommen, werde ich berichten.

Das ist erst einmal alles, was ich zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann und will. Übrigens ist nichts davon in irgendeiner Weise wertend gemeint. Ich fühle mich zwar momentan der britischen YouTube-Szene deutlich stärker verbunden als der deutschen und verfolge diese intensiver, aber vielleicht habe ich in Deutschland viele Kanäle, die mir gut gefallen würden, einfach noch gar nicht entdeckt. Und man weiß ja auch nie, wie sich das Ganze in beiden Ländern in Zukunft noch entwickeln wird. Ich schließe nicht aus, dass ich diesen Vergleich eines Tages noch um weitere Aspekte ergänzen werde. Ich denke, vor allem in Bezug auf die Frage nach Zusammensetzung, Verhalten und Erwartungen der Zuschauer konnte ich hier noch nicht genug mitbekommen, vermutlich würde auch ein regelmäßiger Blick in die Kommentare helfen (aber darauf habe ich meistens keine Lust). Abschließend will ich noch auf etwas hinweisen: Man darf bei alledem nicht vergessen, dass die britische (Jugend-)Kultur und Gesellschaft aufgrund der gemeinsamen Sprache in vielerlei Hinsicht noch stärker „amerikanisiert“ ist und wird als die deutsche, diesen Effekt sollte man auch im Zusammenhang mit YouTube nicht außer Acht lassen. Ich habe keine Zahlen oder sonstiges dazu und kenne mich, wie anfangs angedeutet, mit der amerikanischen YouTube-Szene überhaupt nicht aus (ich kann nur sagen, dass ich PewDiePie schrecklich finde), ich wollte nur noch abschließend darauf hinweisen, dass auch das einen Einfluss auf das Wesen der englischen YouTube-Szene und ihrer Anhänger haben und sie anders erscheinen lassen könnte als die deutsche. Und weil ich es nicht lassen kann, will ich ganz zum Schluss nochmal wiederholen, was ich anfangs schon schrieb: dieser ganze Vergleich war keinesfalls irgendwie wissenschaftlich, sondern spiegelt lediglich meine Eindrücke wider, die, wie immer, vollkommener Schwachsinn sein können. Aber – und auch das habe ich schon des Öfteren geschrieben – das liest hier ja sowieso keine Sau und daher ist das auch total egal.
25.8.15 01:27
 
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