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Zwei Länder, eine Plattform

Ewig nichts mehr gepostet. Irgendwie hatte ich nie die Lust dazu und an Zeit mangelte es mir auch. An Themen hingegen nicht, im Gegenteil, ich glaube, es war eher der Überfluss an youtubebezogenen Dingen, über die ich hätte schreiben können, der dazu geführt hat, dass ich genau das nicht gemacht hab. Neben der Welle an ehrlichen Videos größerer deutscher YouTuber, sowohl zum Thema Fans als auch zu einigen anderen Dingen, die es vor Kurzem gab, und die, glaube ich, auch noch nicht vorbei ist (und zu der auch das von mir vor über zwei Monaten geteilte Video von Luna gehört/e), gab es da ja auch noch einiges an Tweef, neue Meilensteine in Sachen Abonnentenzahlen, und was nicht sonst noch alles. Keine Ahnung, ob ich diesen Themen irgendwann mal einen (oder eher mehrere) Post(s) widmen werde. Eigentlich laufen solche Themen ja nicht weg, ande-rerseits sind sie aber auch immer irgendwie nur vorübergehend aktuell, obwohl sie sich in vielen Fällen auf ganz grundsätzliche Dinge beziehen, die es in der YouTube-Welt schon immer gab, oder jedenfalls spätestens, seit das Ganze zu einer Industrie geworden ist. Und ich verwende das Wort „Industrie“ hier mit Absicht, weil viele dieser Themen überhaupt nicht diskutiert würden/werden müssten, wenn Geld keine Rolle spielen würde.

Egal. Heute jedenfalls soll es um was anderes gehen. Seit einiger Zeit bin ich studiumsbedingt in Nordengland. Wie man auf diesem Blog an der ein oder anderen Stelle schon gemerkt hat, interessiere ich mich ziemlich stark für die britische YouTube-Szene. Ich bin zwar, nachdem ich durch einen hier auch schon mindestens zwei Mal erwähnten britischen Vlogger, der inzwischen nicht mehr aktiv ist, überhaupt so richtig in die YouTube-Welt eingestiegen war, vorrangig auf deutsche Kanäle gestoßen, aber irgendwann kamen nach und nach immer mehr britische YouTuber dazu. Und heute sind fast alle Kanäle, die ich so richtig aktiv verfolge (sprich: jedes Video auch wirklich bis zum Ende anschaue) in dem Land ansässig, in dem ich mich gerade aufhalte. Ich glaub, ich hab das schonmal angedeutet: einen Vergleich zwischen der YouTube-Szene in Deutschland und hier im Vereinigten Königreich (ich weiß, die Engländer haben es lieber, wenn man nur von England spricht, aber ich betrachte hier sowohl englische als auch schottische, walisische und nordirische YouTuber, auch wenn sich in meiner Aboliste meines Wissens nach keiner der Letztgenannten befindet) finde ich sehr interessant. Und jetzt, wo ich schon eine Weile hier bin, habe ich das Gefühl, dass ich ebendiesen Vergleich nun auch tatsächlich anstellen kann beziehungsweise, dass ich jetzt mehr weiß.

Bei kaum einem Thema bin ich bisher ohne Hinweise bezüglich meiner eigenen Fehlbarkeit ausgekommen. So auch jetzt. Ich möchte vorab einiges klarstellen. Erstens, und das ist wohl am wichtigsten, ich habe weder über die deutsche noch über die britische YouTube-Szene einen vollständigen Überblick, und das will ich auch gar nicht. Ich interessiere mich nur für bestimmte Themen und Arten von Videos, ich abonniere niemanden nur aufgrund seines Erfolgs, und von so manchem ganz großen YouTuber aus beiden Ländern habe ich noch nie auch nur ein einziges Video gesehen. Deshalb ist das, was folgt, sehr subjektiv, wie alles auf diesem Blog. Zweitens habe ich hier in England nur mit einer relativ kleinen und ziemlich homogenen Gruppe von Leuten persönlich zu tun, und zwar fast ausschließlich mit Studenten in meinem Alter. Ich kenne keine Teenager persönlich und auch keine alten Leute, was meine Eindrücke in mancher Hinsicht „verfälschen“ könnte, ebenso wie die Tatsache, dass ich hier in einer relativ kleinen Stadt wohne. Drittens ist natürlich nichts von dem, was ich hier schreibe, eine absolute Tatsache, und das möchte ich auch nicht behaupten. Abgesehen von Abonnenten- und Viewzahlen habe ich keine Statistiken zur Hand, die meine Thesen belegen könnten, und ich werde auch nicht danach suchen. Es geht hier nur um meine Eindrücke und die sind, ebenso wie die Gedanken, nach denen dieser Blog benannt ist, subjektiv. Viertens möchte ich noch sagen, dass ich nicht vorhabe, die YouTube-Szene der beiden Länder noch mit irgendwelchen anderen Ländern zu vergleichen. Neben britischen und deutschen YouTubern befinden sich in meiner Aboliste nur vereinzelte Kanäle aus Australien, Neuseeland, Österreich, den USA, den Niederlanden, Dänemark und Norwegen, was andere Länder angeht, habe ich also erst recht keinen umfassenden Überblick. Ich glaub, das war alles, worauf ich hinweisen wollte. Ich fang dann mal an.

Zunächst einmal fallen natürlich Unterschiede beim Content auf. In Deutschland ist die Let’s-Play-Szene einfach riesig und man hat das Gefühl, es kommen jeden Tag tausend neue Kanäle hinzu, die sich dem Gaming widmen. Ich habe kein großes Interesse an Gaming und die Let’s Player, die ich abonniert habe, haben mein Abo im Grunde nur bekommen, weil ich sie als Person sympathisch und interessant finde und, falls vorhanden, ihre Vlogs gerne sehe. Wenn ich mir mal ein Let’s Play anschaue, dann nur, wenn der Titel vermuten lässt, dass der/die YouTuber in dem Video interessante Dinge anspricht/ansprechen. Und dann sitze ich jedes Mal da und verstehe nicht, wie Minecraft funktioniert und warum die Person sich nicht einfach so hingesetzt und über das Thema gesprochen hat. Das bedeutet nicht, dass ich nicht nachvollziehen kann, was den Reiz von Let’s Plays ausmacht (unter anderem wohl die spontanen und oft lustigen Reaktionen der Spieler auf das, was im Spiel – oft unvorhergesehen – passiert), es bedeutet nur, dass ich persönlich andere Videos bevorzuge. Hier in England jedenfalls sind Let’s Plays nicht so groß, soweit ich das beurteilen kann, oder jedenfalls nicht so „Mainstream“. Zwar haben zwei der erfolgreichsten britischen YouTuber, Dan und Phil (die ich übrigens auch beide gerne sehe und die mir in diesem Post vermutlich noch öfter als Beispiele werden dienen müssen), vor noch nicht allzu langer Zeit einen gemeinsamen Gaming-Kanal gestartet, aber ihre Gaming-Videos sind anders als beispielsweise die von Gronkh. Es geht auf „DanAndPhilGames“ im Grunde nur um eine Erweiterung der üblichen Videos der beiden um eine weitere Facette, um einen neuen Hintergrund, vor dem sie so sind, wie man sie schon seit Jahren als YouTuber kennt. Jedenfalls empfinde ich es so. Ich weiß nicht so recht, wie ich das beschreiben soll, aber ich glaube, es reicht vollkommen, sich ein einziges Video auf besagtem Gaming-Kanal anzugucken - vielleicht am besten das bisher einzige Minecraft-Video, das sagt so ziemlich alles - , um zu verstehen, wie ich das meine.

Ich habe den Eindruck, dass hier das gute alte Vlogging das beliebteste Genre ist. Während in Deutschland Y-Titty mit ihren Sketchen mehr oder weniger die ersten waren, die so richtig bekannt und beliebt wurden, war es hier der Vlogger Charlieissocoollike (den ich ebenfalls gerne mag), der als erster YouTuber im Land die 1-Million-Abonnentenmarke knackte. Und auch Dan und Phil sind Vlogger, ebenso wie viele, viele andere erfolgreiche YouTuber in diesem Land. Sie (fast) alle sind Personen, die mit ihrer Persönlichkeit überzeugen. Ich weiß, in Internetzusammenhängen muss man mit dem Begriff „Persönlichkeit“ seeehr vorsichtig sein. Natürlich ist niemand auf YouTube genau so wie im normalen Leben. Ich meine mit „Persönlichkeit“ hier die Art und Weise, wie die Personen sich in ihren Videos verhalten, wie sie sprechen und worüber sie sprechen. Die Briten gelten ja allgemein als ein Volk, das in keiner Lebenslage ohne Humor auskommt, und das ist für mich auch genau das, was die meisten britischen Vlogger auszeichnet: sie sind witzig, sie können über sich selbst genau so lachen wie über andere. Und sie sind eloquent und wissen, wie man Geschichten erzählt. Wäre das nicht der Fall, würde sich wohl kaum jemand ansehen und anhören, wie Dan von dem Tag berichtet, an dem er einen Sonnenstich bekam. Würde ich eine solche, im Grunde doch banale, Geschichte in die Kamera sprechen – das würde keine Sau interessieren. Natürlich ist besagtes Video von Dan aus einer Zeit, in der er schon sehr erfolgreich war, so dass es kaum verwunderlich ist, dass es aktuell fast 3 Millionen Views hat. Aber Dan wäre ja nie zu einem YouTuber geworden, dessen Videos Klickzahlen in dieser Größenordnung erreichen, wenn er nicht irgendwas hätte, das dazu führt, dass Leute acht Minuten ihres Lebens damit verbringen, sich eine Episode aus seinem Familienurlaub in Marokko anzuhören. Ich will übrigens gar nicht behaupten, dass YouTuber, die sich anderen Genres verschrieben haben, nicht mit ihrer Persönlichkeit überzeugen (müssen), aber Vlogger haben eben keine Computerspiele, Beautyprodukte, Outfits of the Day oder andere Hilfsmittel, die neben der eigenen Person einen Beitrag zum Erfolg – oder Misserfolg – eines Videos beitragen können.

Ein weiterer Unterschied liegt, so kommt es mir vor, darin, dass in Deutschland unter einem Vlog meist etwas anderes verstanden wird als hier. Während der Großteil der Videos der erfolgreichen britischen Vlogger im Grunde auf dem einfachen Prinzip YouTuber + Kamera + Story beruht (wobei die Story vorher zurechtgelegt werden oder aber vollkommen spontan erzählt werden kann), ist ein Vlog bei deutschen YouTubern meist das, was man auch als „Follow Me Around“ oder kurz „FMA“ bezeichnet. Da geht es meistens darum, den Zuschauern zu zeigen, wie ein Tag oder eine bestimmte Phase im Leben des YouTubers grob abläuft, und zwar häufig eines YouTubers, der hauptsächlich für eine ganz andere Art von Videos bekannt ist. Meistens wird zu besonderen Anlässen gevloggt, auf Reisen, bei den Videodays, beim Umzug, zu Karneval oder was auch immer. Ich kenne nur wenige deutsche YouTuber, die sich "hauptberuflich" einfach nur hinsetzen oder hinstellen und in die Kamera sprechen, und noch weniger, die dabei einfach aus ihrem Leben erzählen und nicht etwa über ein allgemeines, zum Beispiel gesellschaftskritisches, Thema reden.

Eine andere hier in good old UK sehr verbreitete Videokategorie ist eine, die mir in der deutschen YouTube-Szene fehlt. So richtig aufgefallen ist mir dieser Mangel allerdings erst im Zusammenhang mit Lunas Video von vor ein paar Wochen, in dem sie unter anderem die Frage aufwirft, wie YouTube aus Sicht ihrer Zuschauer sein sollte, beziehungsweise was diese sich wünschen würden. Ich spreche von der Kategorie der Kurzfilme, auch wenn ich mit diesem Oberbegriff nicht ganz glücklich bin, da ich nicht nur Kurzfilme im eigentlichen Sinne meine, sondern auch noch kürzere Videos, die nicht unbedingt eine Geschichte erzählen und auch nicht immer Dialog oder überhaupt gesprochenes Wort enthalten, die aber meist auch eine gewisse Dramaturgie haben und auf ebenso kreative, oft aufwendige und ästhetisch ansprechende Weise gemacht wurden (ein Beispiel für diese Art von Videos ist zum Beispiel der Kanal von Jamie Swarbrick). Klar, auch hier sind Filmemacher wie beispielsweise der meiner Meinung nach absolut geniale Bertie Gilbert nicht unbedingt supergroß – Bertie hat zur Zeit etwa 380.000 Abonnenten – , aber doch recht bekannt, und der ebenfalls sehr empfehlenswerte KickThePJ dürfte nicht mehr allzu lange bis zur Million brauchen (er macht zwar nicht ausschließlich Kurzfilme oder die oben genannte Art kürzerer Videos, aber das dürfte doch das sein, was ihm am meisten am Herzen liegt). Und auch besagter Charlie hat schon Kurzfilme gemacht, ebenso wie das Comedy-Duo Jack & Dean, die allerdings natürlich auch dabei den Fokus auf die Gags gelegt haben. Viele der Personen, die sich diesem Videogenre widmen, haben einen (semi-)professionellen Hintergrund, sind zum Beispiel (ehemalige) Filmstudenten, und sind vermutlich hauptsächlich deshalb YouTuber geworden, weil die Plattform es ihnen ermöglicht, ihre kreative Arbeit auf einfache Weise einem potentiell großen Publikum vorzustellen. Viele von ihnen hätten es auf dem konventionellen Wege vielleicht nie geschafft, mit ihren Werken jemals auch nur einen einzigen Cent (beziehungs-weise Penny) zu verdienen oder zumindest Anerkennung einer doch recht große Zuschauerschar zu bekommen, und ich finde, das zeigt sehr schön, welch großartige Möglichkeiten das Internet im Allgemeinen und eine Plattform wie YouTube im Speziellen den Nutzern bietet. Bei all der Kritik, die – oft zurecht – immer wieder an YouTubern und/oder YouTube-Zuschauern geübt wird, darf man nicht vergessen, dass es auch so viel Positives gibt, was diese Plattform möglich macht, und die Beliebtheit der britschen Kurzfilm-YouTuber (ich nenne sie jetzt einfach mal so) gehört aus meiner Sicht eindeutig dazu. Aber ich kenne eben leider kaum jemanden aus der deutschen YouTube-Landschaft, den ich in diese Kategorie einordnen würde (was nicht heißt, dass es niemanden gibt).

Zum Thema Comedy kann ich nicht so viel sagen, da ich außer Jack & Dean kaum einen britischen Kanal abonniert habe, der so richtig in diese Kategorie fällt. Ich vermute aber auch, dass der Umstand, dass hier, wie weiter oben schon angedeutet, Humor einfach so ein fester Bestandteil des Alltags ist, dazu führt, dass so gut wie jedes Genre Comedyelemente enthält. In Deutschland ist Comedy anscheinend irgendwie ziemlich tot, seit Y-Titty nur noch auf Bühnen und in schlechten Filmen auftreten, und ApeCrime (die ich übrigens vor einigen Tagen tatsächlich deabonniert habe, so viel zum Thema „man müsste viel konsequenter deabonnieren“) auch im Grunde keine gescripteten Sketche mehr machen. Klar, da gibt es noch den ein oder anderen Kanal, der sich der Comedy widmet, aber das ist wirklich nicht mehr so groß wie es einmal war. Was nicht bedeutet, dass YouTube-Deutschland humorlos ist, aber offensichtlich lachen die Zuschauer der deutschen Kanäle zumindest momentan lieber über ungeplante Ausrufe bei einem Let’s Play (wobei sich dabei natürlich auch die Frage stellt, inwieweit die Wünsche der Zuschauer mit dem übereinstimmen, was ihnen „geliefert“ wird, aber das ist ein Thema für sich). Auch zu Beauty, Mode und ähnlichen Themen kann ich übrigens nichts sagen, diese Art von Videos gucke ich überhaupt nicht, weder auf Deutsch noch auf Englisch.

Weiter oben habe ich schonmal über Gesellschaftskritik und ähnliche Themen in den Videos deutscher Vlogger geschrieben (ich denke hier zum Beispiel an FloVloggt oder teils auch Luna). Und das führt mich zu einem Genre, das hier im Vereinigten Königreich meiner Einschätzung nach weniger stark vertreten ist. Das ist wirklich nur ein vages Gefühl, das ich nicht mit irgendwelchen Zahlen und Fakten untermauern kann, aber ich habe den Eindruck, dass es hier auf YouTube entweder darum geht, die Zuschauer zum Lachen zu bringen oder aber Kreativität und Talent auszuleben. Manchmal trifft auch beides auf einander, diese Dinge schließen sich ja nicht gegenseitig aus. Themen wie Politik, Gesellschaft oder auch die Sorgen junger Menschen werden hier eher indirekt angesprochen, zum Beispiel in Form von Kurzfilmen, in denen die Charaktere gewissermaßen stellvertretend für diese Themen stehen. In Deutschland hingegen wird, wenn solche ernsten Themen behandelt werden, zumeist sehr direkt über Meinungen, Erfahrungen und Idealvorstellungen gesprochen und der Zuschauer häufig dazu aufgefordert, sich zu dem Thema Gedanken zu machen und gerne auch selbst zu äußern. Ein besonders großartiges Beispiel dafür in der deutschen YouTube-Szene sind die „Stammtische“ von Marie Meimberg, aber auch viele andere YouTuber (wie zum Beispiel FloVloggt) haben in der letzten Zeit Videos zu aktuellen Themen gemacht, die vor allem auf jüngere Zuschauer durchaus Eindruck machen dürften. Hier könnte man jetzt wieder auf das Thema „Vorbildfunktion von YouTubern“ kommen, aber das lasse ich jetzt mal außen vor, vor allem, weil ich keine Ahnung habe, ob es diese Diskussion hier auch gibt, und wenn ja, wie die Briten darüber denken. Ich will auch nicht sagen, dass die eine oder eben die andere Art, auf YouTube mit ernsten Themen umzugehen, die bessere oder gar einzig richtige ist. Mir ist nur aufgefallen, dass die YouTuber, die ich kenne, das unterschiedlich handhaben, wenn sie sich überhaupt mit solchen Dingen beschäftigen – und es ist vollkommen in Ordnung, wenn sie das nicht tun. Inwiefern das etwas mit der Herkunft der jeweiligen Person zu tun hat, kann ich nicht sagen, und vielleicht ist meine Einschätzung, dass solche Themen in Deutschland anders (und vielleicht auch stärker/häufiger/von mehr YouTubern) behandelt werden als hier, auch völliger Schwachsinn.

Nicht nur der Content ist hier nach meinem Eindruck oftmals anders, sondern auch die Art und Weise, wie die Community, oder sagen wir eher: die Gesellschaft oder Öffentlichkeit im Allgemeinen mit YouTube umgeht. Vor ungefähr zehn Tagen fand in London „Summer in the City“ statt, ein großes jährliches Community-Event, bei dem viele YouTuber auftreten und Zuschauer die Chance bekommen, einige von ihnen zu treffen. Das britische Äquivalent zu den Videodays quasi, wobei ich ehrlich gestehen muss, dass ich keine Ahnung habe, in welcher Größenordnung sich SitC im Vergleich zu dem deutschen Großevent bewegt. Das dürfte aber auch keine allzu große Rolle spielen, denn beide dürften in ihrem jeweiligen Land die mit Abstand größte Veranstaltung rund um YouTube und YouTuber sein. Ich war noch nie auf den Videodays und auch noch nie bei SitC. Aber wenn man sich für YouTube interessiert, kann man kaum vermeiden, mitzubekommen, was bei diesen Events so abgeht, und dieses Jahr habe ich relativ intensiv auf Twitter und YouTube verfolgt, wie das Londoner Event gelaufen ist, weil ich das eben für einen wichtigen Teil in diesem Vergleich (oder eher in diesem Versuch eines Vergleichs) halte. Und so weit das Auge reichte: nur Begeisterung für „Summer in the City“, sowohl von Seiten der YouTuber als auch der Zuschauer. Im Gegensatz zu 2014 scheinen dieses Jahr zwar auch die Videodays hauptsächlicht gut angekommen zu sein, aber ich hatte doch das Gefühl, dass die kleinen und größeren Pannen und Enttäuschungen, die der deutschen Veranstaltung für viele immer einen bitteren Nachgeschmack verleihen, in London ausblieben. Keine Ahnung, ob SitC besser organisiert ist oder vielleicht einfach in einer besseren Location stattfindet als die Videodays, oder ob die britischen Zuschauer sich anders benehmen als die deutschen. Das kann ich null beurteilen. Aber die durchweg positiven Äußerungen zu SitC passen ganz gut dazu, wie ich den allgemeinen Umgang der Briten mit YouTube erlebe, deshalb habe ich das Event quasi als Einstieg in diesen Teil des (jetzt schon wieder wahnsinnig langen) Posts gewählt. Außerdem wollte ich es erwähnen, weil mir das Programm sehr gut gefällt, nicht nur, weil neben den großen Stars auch viele kleinere YouTuber auf die Bühne durften (wie beispielsweise die Band Broughton oder der singende Vlogger Daniel J. Layton), sondern auch, weil die vielen Panels das Unterhaltungsprogramm um eine sehr seriöse, ernsthafte Facette erweitern und den YouTubern die Möglichkeit geben, sich als ernstzunehmende, kreative Personen zu zeigen, die sich Gedanken machen und diese auch äußern können.

Ich bezweifle keinesfalls, dass es auch hier jede Menge Fangirls und Fanboys gibt, die in ihrer Begeisterung für bestimmte YouTuber maßlos übertreiben, und ich bin mir sicher, dass auch so mancher britische YouTuber schon gestalkt oder jedenfalls genervt wurde. Ich glaube, das ist ein weltweites Phänomen, nicht nur in Bezug auf YouTuber, sondern auf Stars im Allgemeinen (dass ich YouTuber tatsächlich für Stars halte, konnte man in diesem Blog ja bereits lesen). Ich vermute aber, dass britische YouTuber allein schon aufgrund der Tatsache, dass ihre Videos zumindest theoretisch von einem viel weiter versprengten Publikum geschaut werden als das bei deutschsprachigen Videos der Fall ist, gelassener auf die Straße gehen können als deutsche. Es ist zwar zu vermuten, dass ein Großteil der Abonnenten britischer YouTuber auch in diesem Land lebt, aber gerade bei den richtig großen Kanälen dürften sich die Zuschauer auch auf viele andere Länder verteilen, schließlich wird Englisch nahezu überall verstanden, Deutsch hingegen eher nicht. Ob britische YouTube-Fans ihre Lieblings-YouTuber, wenn sie ihnen dann tatsächlich begegnen, eher in Ruhe lassen beziehungsweise mit Respekt behandeln als deutsche, vermag ich nicht zu beurteilen, aber es geht mir auch gar nicht so sehr um das Verhalten der Zuschauer bei der direkten Begegnung mit den YouTubern. Sondern eher um Fragen wie: wie steht die Gesellschaft allgemein zu YouTube? Wer guckt die Videos? Welchen Stellenwert haben YouTuber? Was erwarten die Zuschauer von ihnen?

Ich habe das Gefühl, dass YouTube und die Tatsache, dass einige Menschen es geschafft haben, mit ihren Videos sehr bekannt zu werden und teilweise davon zu leben, hier schon viel selbstverständlicher und „akzeptierter“ ist als in Deutschland. Und es kommt mir auch so vor, als hätten die Briten schneller und besser verstanden, welches Potenzial in der Videoplattform und ihren erfolgreichen Vertretern steckt, als die Deutschen. Dan und Phil zum Beispiel moderieren hier regelmäßig eine Radioshow, auch Jack & Dean sowie einige andere konnte man schon des Öfteren im Radio hören. Zugegeben, BBC Radio 1 war schon immer ein Sender, der junge Leute anspricht, so dass davon auszugehen ist, dass viele Hörer die YouTuber sowieso schon kannten, aber es werden sich bestimmt auch einige neue Fans gefunden haben, die vielleicht gar nicht mal unbedingt auch die Videos besagter YouTuber gucken, sondern sie hauptsächlich als Radiomoderatoren wahrnehmen. James „Jimmy“ Hill (jimmy 0010) hat dank seines Erfolgs auf YouTube auch schon so einige Moderatorenjobs gehabt, und nicht wenige andere (unter anderem der schon erwähnte Charlie) konnten und können sich ebenfalls über diverse Nebenprojekte freuen. YouTube scheint hier also – von allen Seiten – wirklich als Sprungbrett betrachtet zu werden (was nicht heißen muss, dass die betreffende Person ihren Kanal aufgibt, sobald sie es geschafft hat, auch in anderen Bereichen erfolgreich zu werden). Sowas ist in Deutschland bisher, soweit ich informiert bin, nur in minimalsten Ansätzen zu erkennen, wenn überhaupt. Und wenn, dann wird es von vielen Zuschauern eher kritisch gesehen, da die Devise "Schuster, bleib bei deinen Leisten" unter Deutschen offenbar weit verbreitet ist.

Zu dem soeben beschriebenen Eindruck trägt auch bei, dass viele britsche YouTuber sich einer Fanbase erfreuen können, die nicht nur oder jedenfalls nicht zu einem großen Teil aus Teenies besteht. Oder jedenfalls geben ältere Zuschauer hier offener zu, dass sie regelmäßig Videos bestimmter YouTuber schauen (wobei das vor allem in Bezug auf eher kleinere YouTuber der Fall ist). In Deutschland kommt es mir oft so vor, als würde YouTube schon von Leuten in meinem Alter, die ja gar nicht so viel älter sind als der Durchschnitts-YouTube-Fan, nur milde belächelt und nicht ernstgenommen, und auch von mir weiß kaum jemand, dass ich bestimmte Kanäle gerne und regelmäßig verfolge, geschweige denn, dass dieser Blog existiert. Weil die meisten einfach an kreischende vierzehnjährige Mädels und zockverrückte zwölfjährige Jungs denken, wenn ein Name wie Dner fällt. Hier hingegen habe ich schon Fünfundzwanzigjährige mit Dan-and-Phil-Merch rumlaufen sehen und erst vor Kurzem hat mich jemand in meinem Alter gefragt, ob ich einen guten deutschen YouTuber empfehlen könnte, mit dessen Videos man vielleicht ein bisschen die Deutschkenntnisse aufbessern könnte. Vielleicht ist das nur hier in meinem Umfeld so, das mag sein. Ich würde mir aber jedenfalls wünschen, dass das ein landesweites Phänomen ist. Natürlich sind Studenten Anfang/Mitte Zwanzig nicht komplett anders als Schüler, was ihre Interessen betrifft, und auch hier dürften wohl nur die allerwenigsten Leute jenseits der 30 regelmäßig YouTubern beim Vloggen (oder was auch immer) zuschauen, aber immerhin scheint das Image ein anderes, besseres zu sein als in Deutschland. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass auch hier Kritik geübt wird an YouTubern, die – gefühlt oder tatsächlich – nur an den Profit denken.

Was sofort auffällt, wenn man anfängt, die deutsche mit der britischen Szene zu vergleichen, ist, dass unter deutschen YouTubern offenbar der Wahn grassiert, möglichst oft und möglichst regelmäßig Videos veröffentlichen zu müssen – und hier nicht. Selbst so große YouTuber wie Dan, Phil oder TomSka bringen höchstens einmal die Woche ein neues Video heraus, meist sogar noch seltener und auch nicht immer regelmäßig. Das hat mich, als ich das erste Mal intensiver mit der britischen YouTube-Szene in Berührung kam, sehr erstaunt, war ich es doch aus Deutschland gewohnt, dass viele, YouTuber wie Zuschauer, offenbar nach der Devise „viele Videos = viel Erfolg“ denken und handeln. Ich weiß nicht, ob man daraus schließen kann, dass in Deutschland ein größerer Druck auf den YouTubern lastet (Druck, der nicht unbedingt von den Zuschauern ausgehen muss, sondern auch selbst auferlegt sein kann) als hier, oder ob es in beiden Ländern einfach immer schon so war oder irgendwie so gekommen ist, wie es jetzt ist. Ich hatte das ja schonmal im Zusammenhang mit der Frage, ob das Produzieren von Videos als die Pflicht eines YouTubers angesehen werden kann, angesprochen: ich persönlich bin der Meinung, dass der Uploadrhythmus einzig und allein im Ermessen des betreffenden YouTubers liegt, und Zuschauer, die einen Kanal nur verfolgen wollen, wenn es auf diesem jeden Tag mindestens ein neues Video gibt, sollten besser Daily Soaps gucken. Die britsche YouTube-Szene zeigt ja, dass man durchaus auch erfolgreich sein kann, wenn man maximal einmal pro Woche etwas Neues veröffentlicht. Inwieweit die eben erwähnten Nebenprojekte der YouTuber a) dazu führen, dass sie schon rein aus Zeitgründen nicht mehr Videos machen können, und b) dafür sorgen, dass sie auch bei unregelmäßigen und selten Uploads nicht um ihren Erfolg (und teils auch Verdienst) bangen müssen, kann ich nicht einschätzen. Ebenso wenig kann ich voraussehen, wie sich die Abonnenten- und Viewzahlen von beispielsweise Rewi entwickeln würden, wenn er ab morgen nur noch höchstens ein Video pro Woche hochladen würde. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass seltenere Uploads der Qualität der Videos keinen Abbruch tun würden (nicht nur bei Rewi, sondern generell), im Gegenteil. Vielleicht darf man gar nicht erst anfangen, seine Zuschauer mit täglich neuen Videos zu verwöhnen und sich damit auch selbst unter Druck zu setzen. Und vielleicht sind die britischen Zuschauer einfach anderes gewohnt. Sollte das Gespräch mit den Leuten, mit denen ich hier zu tun habe, nochmal auf das Thema YouTube kommen, werde ich mal erwähnen, dass viele der erfolgreichsten deutschen Kanäle täglich aktualisiert werden, und dann schauen, wie sie reagieren. Sollte es zu diesem „Experiment“ kommen, werde ich berichten.

Das ist erst einmal alles, was ich zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann und will. Übrigens ist nichts davon in irgendeiner Weise wertend gemeint. Ich fühle mich zwar momentan der britischen YouTube-Szene deutlich stärker verbunden als der deutschen und verfolge diese intensiver, aber vielleicht habe ich in Deutschland viele Kanäle, die mir gut gefallen würden, einfach noch gar nicht entdeckt. Und man weiß ja auch nie, wie sich das Ganze in beiden Ländern in Zukunft noch entwickeln wird. Ich schließe nicht aus, dass ich diesen Vergleich eines Tages noch um weitere Aspekte ergänzen werde. Ich denke, vor allem in Bezug auf die Frage nach Zusammensetzung, Verhalten und Erwartungen der Zuschauer konnte ich hier noch nicht genug mitbekommen, vermutlich würde auch ein regelmäßiger Blick in die Kommentare helfen (aber darauf habe ich meistens keine Lust). Abschließend will ich noch auf etwas hinweisen: Man darf bei alledem nicht vergessen, dass die britische (Jugend-)Kultur und Gesellschaft aufgrund der gemeinsamen Sprache in vielerlei Hinsicht noch stärker „amerikanisiert“ ist und wird als die deutsche, diesen Effekt sollte man auch im Zusammenhang mit YouTube nicht außer Acht lassen. Ich habe keine Zahlen oder sonstiges dazu und kenne mich, wie anfangs angedeutet, mit der amerikanischen YouTube-Szene überhaupt nicht aus (ich kann nur sagen, dass ich PewDiePie schrecklich finde), ich wollte nur noch abschließend darauf hinweisen, dass auch das einen Einfluss auf das Wesen der englischen YouTube-Szene und ihrer Anhänger haben und sie anders erscheinen lassen könnte als die deutsche. Und weil ich es nicht lassen kann, will ich ganz zum Schluss nochmal wiederholen, was ich anfangs schon schrieb: dieser ganze Vergleich war keinesfalls irgendwie wissenschaftlich, sondern spiegelt lediglich meine Eindrücke wider, die, wie immer, vollkommener Schwachsinn sein können. Aber – und auch das habe ich schon des Öfteren geschrieben – das liest hier ja sowieso keine Sau und daher ist das auch total egal.
25.8.15 01:27


Nichts hinzuzufügen

Ich wollte schon länger mal was zu der ganzen Sache mit dem Verhalten bestimmter Fans schreiben. Brauch ich jetzt nicht mehr, denn jetzt gibt es dieses Video von Luna. Abgesehen von der Tatsache, dass ich sie voll und ganz verstehen kann, und von den interessanten Einblicken in die Gefühlswelt der "anderen Seite", also der YouTuber, finde ich es besonders toll, wie ehrlich, sachlich, intelligent und ausführlich Luna ihre Meinung in dem Video schildert. Und vor allem schafft sie das ohne Verallgemeinerungen, ohne Angriffe oder gar Beleidigungen. So zeigt sie genau den Respekt, den einige ihrer Zuschauer während der Gangtour (und auch sonst) offensichtlich vermissen lassen.



Das hier sollte eigentlich nie ein Blog werden, auf dem ich stumpf Videos teile, die mir gefallen. Jetzt tue ich aber genau das schon zum zweiten Mal. Trotzdem soll es die Ausnahme bleiben und nur bei solchen Videos vorkommen, die mir in gewissem Sinne aus der Seele sprechen, und bei denen ich denke: Besser hätte ich es auf keinen Fall ausdrücken können.
9.6.15 23:23


Verchromt

Zwei Sachen vorab:
1. Vor zwei oder drei Wochen hatte ich einen ziemlich langen und meiner Meinung nach auch guten Post zum Thema YouTuber-Fanfiction geschrieben. Das war eins der ersten Themen, die auf meiner Liste für die Inhalte möglicher Posts landeten, die ich angelegt habe, als ich diesen Blog einrichtete. Leider verschwand der gesamte Text, als ich ihn veröffentlichen wollte, da myblog.de es für nötig gehalten hatte, mich automatisch auszuloggen, weil ich angeblich zu lange inaktiv war. Tippen bedeutet bei denen also Inaktivität, alles klar. Dummerweise war das das bisher einzige Mal, dass ich meinen Text nicht irgendwo anders abgespeichert hatte (passiert mir nie wieder!) und sämtliche Versuche, doch noch irgendwie an den Text ranzukommen, scheiterten. Auf meine Mail diesbezüglich hat man bei myblog.de bis heute nicht geantwortet. Aber gut, ich wusste ja, worauf ich mich einlasse, als ich ausgerechnet diesen Host für den Blog auswählte, und irgendwie war das ja auch meine eigene Blödheit. Ich hab danach versucht, mich aufzuraffen und den Text neu zu schreiben, aber keine Chance. Vielleicht krieg ich es irgendwann hin, nochmal etwas zu diesem Thema zu schreiben, dann aber vermutlich anders und schlechter als eigentlich geplant. Noch bin ich zu angepisst von dem, was mit dem eigentlichen Post passiert ist.
2. Zu meinen folgenden Ausführungen muss man wissen, dass ich alles andere als eine Expertin bin, was Rap oder HipHop angeht. Ich höre meistens ganz andere Musik und kenne mich in dieser Szene nicht aus. Da kann man sich natürlich fragen, warum ich überhaupt über dieses Thema schreibe, aber ich geh an die ganze Sache nicht mit dem Anspruch ran, irgendein qualifiziertes Urteil über die Musik an sich abgeben zu wollen, ich bin kein Plattentest-Blogger oder sowas, ich hau nur meine Meinung raus. Wenn man sich drauf einlässt, wird man erkennen, dass ich mit dem Post bei Weitem nicht nur über die Musik an sich sprechen möchte.

So, jetzt kann man das Thema dieses Posts schon erahnen. YouTube + Musik + Rap/HipHop (ich bin mir noch nicht einmal sicher, welche Genrebezeichnung ich verwenden sollte) + Ende April 2015 + der - zugegeben nicht besonders kreative - Titel dieses Posts. Worum könnte es da wohl gehen? Richtig, um ein Thema, dem jeder, der die deutsche YouTube-Szene momentan auch nur oberflächlichst verfolgt, wohl kaum entgehen konnte und kann. DAT ADAM haben vor Kurzem ihre EP "Chrome" veröffentlicht.

Das Ganze wurde ja ziemlich groß angekündigt und ich glaube, ich hab noch keine Platte erlebt, die noch vor ihrer Veröffentlichung so gehypt wurde wie diese. Wobei der Begriff "Hype" nicht ganz passt oder jedenfalls nicht ausreicht, um zu beschreiben, was zwischen dem Zeitpunkt der Meldung "Ardy, Taddl und Marley bringen irgendwann eine CD raus" und dem tatsächlichen Erscheinen auf YouTube und anderen Plattformen so abging. Zu den Leuten, die sich auf die EP freuten, gesellten sich eine ganze Menge Personen, die skeptisch waren oder aber bereits vorab zu wissen glaubten, dass die EP nur Müll werden kann. Jedenfalls wurde unheimlich viel darüber gesprochen und geschrieben. Was die drei Jungs weder besonders begeistert noch besonders gestört zu haben scheint. Ich habe das alles nicht bis ins Detail verfolgt, aber nach dem, was ich mitbekommen habe, zu urteilen, haben sie durch einige Tweets zwar durchaus für Gesprächsstoff rund um die EP gesorgt, sich aber doch insgesamt ziemlich unaufgeregt gegeben. Gefiel mir gut. Aufgrund meiner mangelnden Begeisterung für Rap (wobei das nicht ganz stimmt, es gibt durchaus einige Interpreten, die ich mag) wusste ich nicht so recht, wie ich mit dem Ergebnis der monatelangen Arbeit der Drei an ihrer Musik umgehen sollte. Denn wenn jemand, den man grundsätzlich schätzt, sich in einer Weise künstlerisch betätigt, für die man kein oder wenig Verständnis mitbringt und/oder die man schlichtweg selbst nicht besonders toll findet, dann besteht ja die Gefahr, dass die Person dadurch quasi Sympathiepunkte einbüßt, auch wenn man sich Mühe gibt, sie nicht danach zu beurteilen. Auf der anderen Seite hatte ich es schon während des Entstehungsprozesses der EP als sehr positiv empfunden, dass die drei Jungs damit praktisch an der Umsetzung eines großen Traums arbeiteten und einfach ihr Ding durchzogen, auch wenn ihnen bewusst war, dass es Neid und Hate mit sich bringen würde (dazu komme ich später noch ausführlicher). Außerdem wusste ich natürlich, dass bei ihnen Talent vorhanden ist. Diese Ausgangssituation verleitet aber dazu, das kritische Denken mehr oder weniger abzustellen und euphorisch alles toll zu finden, was die betreffende Person macht. Und auch das wollte ich nicht. Zudem bedeutete mein Wissen, dass die Drei eindeutig was können und - ganz unabhängig davon, ob es mir oder sonstwem gefällt - machen, worauf sie Bock haben, natürlich ein gewisses Risiko, dass ich enttäuscht werden könnte. Ich befand mich also gewissermaßen in einem Spannungsfeld und war mir nicht sicher, was ich von der EP erwarten sollte. Daher habe irgendwann beschlossen, einfach gar nichts zu er-, sondern stattdessen abzuwarten.

Die drei Musikvideo-Teaser, die vor der eigentlichen EP veröffentlicht wurden, brachten nicht unbedingt mehr Klarheit in meine Einstellung zu dem Ganzen. Visuell fand und finde ich das richtig gut und die kurzen Ausschnitte der Songs, die man zu hören bekam, haben mich jedenfalls erstmal nicht enttäuscht. Aber auch irgendwie nicht umgehauen, was aber wohl ganz einfach mit meiner Grundhaltung zu dieser Art von Musik zu erklären ist. Ich habe dann gedacht: "Ja, klingt nicht so schlecht und Hauptsache, die Jungs sind damit glücklich" (was offensichtlich der Fall war und ist). Letztendlich haben dann aber drei EP-Reviews auf YouTube mich dazu bewegt, mir das Ding tatsächlich - und zwar mehrfach - ganz und mit Bedacht anzuhören. Und zwar waren das auf der einen Seite die Reviews von Hilgu und Sorgenschall, also zwei Kanälen, die von Personen betrieben werden, die ich mag und denen ich eine eigene Meinung sowie eine fundierte Begründung derselben zutraue. In beiden Reviews wird sehr, aber nicht übertrieben, positiv über die EP gesprochen. Die dritte Review war die von Mr. Trashpack, der mir aus verschiedenen Gründen ziemlich unsympathisch ist und dessen Videos ich mir nur selten ansehe (und wenn ich das doch einmal tue, dann aus dem Gedanken heraus, dass ich gerne wissen würde, was dieser Typ zu einem bestimmten Thema, das mich interessiert, zu sagen hat, was in den allermeisten Fällen dazu führt, dass er mir eher noch weniger sympathisch wird). Alles Geschmackssache (ein Motto, unter dem man diesen gesamten Post betrachten sollte) und ich will hier nicht auf der Person Mr. Trashpack rumhacken, sondern lediglich in Bezug auf dieses eine Video, in dem er unter anderem über die Chrome EP spricht, erwähnen, wie ich das Ganze sehe. Allerdings nicht jetzt direkt, sondern an anderer, passenderer Stelle irgendwann später in diesem Post.

Meine eigene Meinung zu der EP will ich hier in eher kurzer Form abhandeln, da ich mich, wie gesagt, nicht besonders gut mit dieser Art von Musik auskenne, und außerdem noch auf eine ganze Reihe anderer Aspekte eingehen will. Aber ich denke, es ist doch sinnvoll, wenn ich zu Anfang mal kurz erzähle, wie mir die EP gefällt (kurz? Kann ich das überhaupt? Schauen wir mal). Mein erster Gedanke war, an dieser Stelle zu schreiben, ich sei positiv überrascht, aber dann merkte ich, dass das nicht stimmt. Erstens, weil ich mir ja vorgenommen hatte, keinerlei Erwartungen an die EP zu haben, und zweitens, weil ich, wie schon angedeutet, eigentlich tatsächlich mit etwas Gutem gerechnet habe. Überraschend ist das Ganze nun für mich eigentlich nur insofern, als die EP dazu geführt hat, dass ich meine vielleicht etwas engstirnige Sichtweise auf Musik und ihre verschiedenen Genres hinterfrage. Ich bereue es inzwischen fast, dass ich jemals mit der Idee "das ist nicht meine Musik, werd ich eh nicht toll finden" an die ganze Sache herangegangen bin. Ich hätte auch in dieser Hinsicht keine Erwartungen haben dürfen. Denn jetzt, nachdem ich die EP mehrfach gehört habe (immer in der vorgegebenen Reihenfolge von vorne bis hinten, weil ich selten bei einer Platte so sehr das Gefühl hatte, dass es so sein muss), kann ich nichts anderes sagen als: sie gefällt mir gut. Ich teile in vielen Punkten die Ansicht der Sorgenschall-Jungs, die allerdings natürlich deutlich mehr Qualifikation mitbringen als ich selbst, was die Beurteilung von Musik angeht. Es heißt im Zusammenhang mit der Musik von DAT ADAM ja immer wieder, dass es so etwas im deutschsprachigen Raum bisher noch nie gegeben habe. Das kann ich nun wirklich nicht einschätzen, aber da ich allgemein nicht allzu gerne Musik mit deutschen Texten höre und mir das, was ich an Deutschrap kenne, fast zu einhundert Prozent überhaupt nicht gefällt, ist der Sound der drei Jungs für mich persönlich auf jeden Fall in gewisser Weise etwas Neues. Das gilt allerdings nicht so recht für "Ufo" - also lustigerweise den Song, der mir in den Musikvideo-Teasern am futuristischsten und am meisten strange erschien - , weil der Song doch irgendwie ziemlich poppig ist und mich der Hintergrund total an "Best Day" von Carpark North erinnert (was keine Kritik oder gar eine Unterstellung sein soll, ich find's sogar echt cool, weil ich Carpark North mag und "Ufo", wie die anderen fünf Songs auch, ein gut durchdachtes Gesamtpaket ist). Vor allem "DFA" und "700 Main Street", meine beiden Lieblingssongs auf der EP (ich weiß, laaaaangweilig, das sagen viele), zeigen mir definitiv, wie gut diese Art von Musik sein kann und wie perfekt sie zu bestimmten Momenten passt. Ich kann mir kaum jemanden vorstellen, der es nicht cool finden würde, im Auto bei offenem Fenster oder Verdeck "700 Main Street" laut aufzudrehen und durch eine nächtliche Großstadt zu fahren. Neidische Blicke an der roten Ampel garantiert, egal, wie alt und uncool die eigene Karre ist. Aber auch die anderen Songs haben definitiv irgendwas, ich finde sie sehr kreativ, was dazu geführt hat, dass mir nach mehrmaligem Hören auch "Session" und "Missets", zwei Songs, zu denen ich zuerst nicht so recht einen Zugang finden konnte, gut gefallen. Insgesamt wirkt alles zwar, wie oben erwähnt, durchdacht und tadellos produziert, auf der anderen Seite merkt man aber auch einen Hang zum Experimentellen und eine nicht zu perfektionistische Grundhaltung, die Jungs haben halt ihre Ideen ausprobiert. Da funktioniert manches für mich persönlich sehr gut, anderes weniger, aber das zeigt doch auch, dass sie nicht versucht haben, es allen recht zu machen, was wahrscheinlich in einer deutlich langweiligeren Platte resultiert hätte. Außerdem merkt man meines Erachtens deutliche Einflüsse durch die Umgebung, in der die EP zum Großteil entstanden ist, und das nicht nur in "700 Main Street", in dem ja Los Angeles direkt erwähnt wird. Das finde ich, obwohl ich die Faszination für die USA nicht ganz nachvollziehen kann, ziemlich cool, ich mag es, wenn man als Hörer nachempfinden kann, wie es dem Künstler bei der Produktion so ungefähr ergangen sein muss. Die Stimmen von Ardy und Taddl, die ich allgemein beide auf ihre eigene Weise als sehr angenehm und passend zu der Musik empfinde, ergänzen einander perfekt, die Abwechslung macht das Ganze noch spannender als es mit einer einzelnen Stimme sein könnte. Dass DAT ADAM Autotune als Stilmittel einsetzen, haben viele anscheinend nicht verstanden. Aus meiner Sicht ist es durchaus legitim, das nicht besonders toll zu finden, aber man sollte das nicht als Unvermögen der Musiker oder Ähnliches abtun. Mich selbst stört es nicht, zumal ich es auch nicht als übertrieben oder zu viel empfinde. Im Sinne einer Steigerung des Abwechslungsreichtums und der Vielfalt ihrer Musik ist das aber eine Sache, bei der mich in Zukunft wünschen würde, dass sie nicht in jedem Song als Stilmittel zum Einsatz kommt. Ich habe aber durchaus verstanden, dass Autotune quasi fester Bestandteil einer bestimmten Art von Rap ist und das ist vollkommen okay.

Soweit zum Musikalischen. Bleiben noch die Lyrics. Ich habe allgemein, egal, um welches Genre geht, eine etwas zwiespältige Einstellung zu Songtexten. Auf der einen Seite vertrete ich die Meinung, dass Musik verbindet, dass es egal ist, was da gesungen wird. Ich höre ziemlich viel Musik mit Texten in Sprachen, die ich nicht oder nur teilweise verstehe (im Bereich HipHop bin ich im Moment zum Beispiel ziemlich angetan von einigen Sachen auf Russisch), und auch rein instrumentale Musik mag ich sehr gerne, besonders bei Elektro und Postrock. Dann gibt es noch Musik, in der der Gesang ganz einfach als eine Art weiteres Instrument fungiert und der Text an sich kaum eine Rolle spielt, das aber dann eher bei gitarrenlastigen Songs. Auf der anderen Seite aber achte ich bei Musik, die für mich mehr ist als bloßer Hintergrundsound oder der reine Ausdruck eines wie auch immer gearteten Gefühls, ziemlich stark auf den Text und hab inzwischen eine seitenlange Liste mit guten Zitaten aus diversen Songs angesammelt. Das ist auch mit ein Grund, warum ich nicht so gerne deutsche Musik höre, für mich ist Deutsch in künstlerischen Zusammenhängen mehr die Sprache der Literatur als der Musik, aber das ist nur meine persönliche Meinung. Außerdem liebe ich Englisch und habe die Erfahrung gemacht, dass man bestimmte Dinge auf Englisch besser ausdrücken kann. Jedenfalls empfinde ich es so. Langer Rede kurzer Sinn: natürlich habe ich auch bei DAT ADAM beim ersten Hören ziemlich genau auf die Texte geachtet. Allerdings ist mir das stellenweise schwer gefallen, weil mich der Sound an sich schon so gepackt hatte, dass ich mich nicht mehr recht konzentrieren konnte. Jedenfalls waren die Texte das, was mich am ehesten mit Skepsis auf die EP hat blicken lassen, bevor sie erschien. Auch das liegt zum Teil in meiner Grundeinstellung zu Rap begründet, schließlich kennt man die typischen Motive in den Lyrics dieser Art von Songs. Und nicht wenige davon werden auch von DAT ADAM bedient, was auf YouTube und anderen Plattformen schon zu viel Kritik geführt hat. Auch wenn ich selbst tiefgründigere Songtexte bevorzuge, kann ich das nicht so recht verstehen. In meiner ahnungslosen und vielleicht etwas naiven Sicht auf Rap habe ich bisher gedacht, dass das ein stückweit dazugehört, ja, dass man so etwas geradezu erwartet. Ich finde es weder überraschend noch irgendwie verwerflich, dass DAT ADAM Texte geschrieben haben, in denen die eigene "Freshheit" betont und gegen Hater geschossen wird. Das kann man mehr oder weniger kreativ tun und auf der Chrome EP schwankt das Kreativitätslevel in dieser Hinsicht, aber insgesamt bin ich auch textlich nicht enttäuscht. Man merkt den Texten an, dass die drei Jungs jung sind und genau dieser Generation entstammen (der ich ja auch selbst angehöre). Das mögen einige gut, andere schlecht finden. Aber so ist das doch mit allem. Ich selbst bin jedenfalls sehr froh, dass die Texte von DAT ADAM keinesfalls irgendwie sexistisch sind, was ja vielen Rappern vorgeworfen wird, und dass sie neben Zeilen wie "Alle Blicke auf uns, denn keiner hier ist so fly" auch Sätze enthalten wie "Zeit gibt's leider nie genug auf meiner Reise und es lohnt sich in keiner Weise, das ganze Leben auf einem Gleis zu bleiben". Den Song "Forrest", aus dem auch letzteres Zitat stammt, finde ich textlich sogar echt gut. Und wer den Texten so gar nichts abgewinnen kann, sollte zumindest an einer Stelle mal genauer hinhören, nämlich, wenn Ardy in "DFA" rappt: "Die Leute wollen Texte mit Inhalt, doch ich denk mir: Fuck it, Hauptsache, die Kacke klingt fett!" Das passt ganz gut dazu, dass Taddl mal irgendwann irgendwo gesagt oder geschrieben hat, dass er bei dieser Art von Musik nie auf die Idee käme, einen wirklich tiefgründigen Text zu schreiben. Man kann auch versuchen, sich mal vorzustellen, wie man das Ganze empfinden würde, wenn die Texte nicht auf Deutsch, sondern - um bei diesem Beispiel zu bleiben - auf Russisch wären (oder eben auf einer anderen Sprache, von der man so gut wie nichts versteht). Ich bin mir ziemlich sicher, dass man auch dann noch das Bedürfnis hätte, die Anlage voll aufzudrehen, und das unterstreicht noch einmal, wie gut die Musik an sich, inklusive der Stimmen, funktioniert. Trotz alledem denke ich, dass die Lyrics der Bereich sind, in dem DAT ADAM sich am ehesten noch steigern können (oder vielleicht sogar sollten), wenn man mal in Richtung Album denkt. Potenzial ist definitiv vorhanden und da die Themen "wir machen unser Ding und scheißen auf die Meinung anderer", "Neider und Haters können uns mal" und "unser Sound ist was ganz Neues" durch die sechs Songs auf der EP weitestgehend ausgeschöpft werden, bin ich mir sicher, dass die drei Jungs im Sinne ihrer Kreativität in Zukunft auch genau da, also bei der Weiterentwicklung ihrer Songtextschreiberqualitäten, ansetzen werden. Auch, weil das Ganze musiktechnisch schon sehr ausgereift ist und es da aus meiner Sicht nur noch wenig zu verbessern gibt.

Das Thema Lyrics bringt mich zurück zu Mr. Trashpack und damit auch zu den anderen Aspekten, auf die ich eingehen will (das hier wird wohl wieder ein sehr lange Post, juhu ... oder auch nicht). Der Herr Trashpack nimmt die Texte viel zu ernst, ohne aber überhaupt richtig hingehört zu haben. Der Typ hat nach einmaligem Hören von "YouTube-Partner" wahrscheinlich auch geglaubt, dass Taddl wirklich ein mit flüssigem Gold gefülltes Schwimmbad sein Eigen nennt. Selbst ich, die ich wenig bis gar keine Ahnung von Rap habe, habe verstanden, dass man Textzeilen à la - wie er es ausdrückt - "wir sind die geilsten und keiner kann uns angreifen" nicht allzu ernst nehmen darf. Dazu muss ich auch noch sagen, dass ich viele Textzeilen - und auch so einge instrumentale Passagen - auf der Chrome EP für mich persönlich so interpretiere, dass sie ein bestimmtes (Lebens-)Gefühl ausdrücken sollen, dass sie eben für Momente gedacht sind, in denen man sich gut und stark fühlt und denkt: "scheiß auf die anderen". Oder aber für Momente, in denen man Musik braucht, die einen aufbaut und motiviert. Zudem drücken die Texte aus meiner Sicht auch ein durchaus als positiv zu bewertendes Gefühl von Stärke durch Gemein-/Freundschaft aus. Ich selbst weiß genau, wann ich sowas hören will und wann ich lieber zu Songs mit tiefergehender Message greife. In besagtem Video beschwert sich Trashpack vor allem über die Lyrics zu "Session" und sagt, er habe ganz allgemein das Gefühl, dass die EP auf ziemlich viel Gras entstanden sei. Abgesehen davon, dass ich diesen Eindruck allerhöchstens in Bezug auf besagtes "Session" annähernd nachvollziehen kann, habe ich mich beim Ansehen des Videos ziemlich über seine Aussagen zu den Texten aufgeregt (und damit war ich, wie die Kommentare zeigen, nicht alleine). Als ich den Song zum ersten Mal gehört habe, dachte ich eigentlich, es ginge gar nicht um Drogen oder ums Kiffen, sondern lediglich um eine Art Rauschzustand, der durch Musik ("cloudiger Sound aus den Boxen") ausgelöst wird. Klar, wenn man sich den Text mal durchliest, kann man nicht verleugnen, dass er wohl einen anderen Hintergrund hat, aber was ist daran bitte so schlimm? Erstens weiß keiner, auch nicht Mr. Trashpack, ob die Jungs tatsächlich high waren, als "Session" entstand, und zweitens kann ich mich auch nicht der Meinung anschließen, dass der Song am meisten Spaß macht, wenn man selbst breit ist. Weil ich's nicht ausprobiert habe, klar, aber auch, weil der Song ein bestimmtes Konzept verfolgt, das, wenn man sich darauf einlässt, durchaus auch im nüchternen Zustand funktionieren kann. Nicht in jeder Lebenslage und Stimmung, aber doch ziemlich oft. Aber okay, das ist wohl so ein dahergesagter Satz. Wenn Mr. Trashpack dann aber sagt, man könne davon ausgehen, dass auf DAT-ADAM-Konzerten alle "komplett stoned" sein werden, dann wird's echt kritisch. Denn, wie in den Videokommentaren einige Zuschauer richtig angemerkt haben, ist auf den Konzerten mit einem recht jungen Publikum zu rechnen (zu diesem Thema komme ich auch noch), das größtenteils eine erwachsene Begleitperson benötigt, um überhaupt reinzudürfen. Drogenkonsum im großen Stil dürfte da schwierig werden. Außerdem klingt das ja schon fast so, als könne man die Musik anders nicht ertragen oder aber keinen Zugang zu ihr finden, und dafür, dass das nicht der Fall ist, bin ich der lebende Beweis. Was die drei Jungs selbst angeht, bin ich mir ziemlich sicher, dass sie zumindest bei der eigentlichen Arbeit im Studio sowie auch bei ihren Auftritten nicht unter Drogeneinfluss standen beziehungsweise stehen, dafür nehmen sie die ganze Sache viel zu ernst (oder jedenfalls wirkt es so). Die folgende Aussage des Herrn T. ist dann aber einfach so schlichtweg falsch, dass man fast schon wieder lachen kann. Aber eigentlich ist das auch schon echt beleidigend und zwar ohne jede gesicherte Grundlage: "Die Jungs versuchen gar nicht zu verstecken, dass sie Gras rauchen, zumindest rappen sie so oft darüber, dass man das Gefühl hat, das ist eins der wichtigsten Bestandteile ihres Lebens." Hallo? Abgesehen von "Session" und vielleicht noch zwei, drei kürzeren Textauszügen aus anderen Songs kann ich keine Anspielungen auf Drogen entdecken. Kann natürlich daran liegen, dass sie in ihren Lyrics relativ viel Slang verwenden, mit dem ich nicht immer etwas anfangen kann (zum Beispiel hab ich keine Ahnung, was eine "Sprizzle" ist, und das urban dictionary kennt das nur als Verb mit relativ harmlosen Bedeutungen), aber Trashpacks Aussage klingt ja fast so, als hätten DAT ADAM kein anderes Thema, was nur zeigt, dass er zum Beispiel bei "Forrest" kein bisschen zugehört hat. Aber selbst wenn dem so wäre, selbst wenn es auf der EP wirklich um kein anderes Thema gehen würde - ich frag's nochmal: was wäre so schlimm daran? Das begründet Trashpack (der sich von DAT ADAM übrigens an Cro erinnert fühlt, was ich mal so gar nicht nachvollziehen kann) in seinem Video nicht, ich habe aber an anderen Stellen öfter mal das Argument gelesen/gehört, dass Texte wie der zu "Session" die Zuhörer zum Kiffen verleiten können und die Jungs sich des geringen Durchschnittsalters ihrer Zielgruppe bewusst sein müssten. Dass es nicht in Ordnung sei, wenn sie solche Lyrics verfassen.

Die Geschichte mit den Zielgruppen der YouTuber ist ein Thema, über das ich irgendwann mit Sicherheit einmal einen eigenen Post schreiben werde, da es mich schon länger beschäftigt und es dazu eine ganze Menge zu sagen gibt. Daher will ich versuchen, das hier nur auf DAT ADAM, ihre Musik und ihre Texte zu beziehen. Auf der einen Seite haben die Leute natürlich Recht, die sich denken: diejenigen, die DAT ADAM hören, sind zum Großteil ziemlich junge Leute, die die Jungs durch YouTube kennen und so große Fans von ihnen sind, dass sie so ziemlich alles super finden, was sie machen. Das ist sicher so und auch wenn ich das sehr schade finde (darauf komm ich später nochmal zurück), kann man nicht die Augen davor verschließen, dass es nun einmal so ist. Es wird ja auch immer wieder von der vermeintlichen Vorbildfunktion von erfolgreichen YouTubern gesprochen. Ich bin der Meinung, dass man die YouTuber da nicht in die Pflicht nehmen kann. Eine Vorbildfunktion hat man, wenn man es sich so aussucht, wenn man zum Beispiel Mutter oder Vater wird oder als Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter ... arbeitet. Wenn man also eine Person ist, die moralisch und/oder gesetzlich den Auftrag hat, Kinder und Jugendliche in gewisser Weise anzuleiten, sie auf den richtigen Weg zu bringen oder auf diesem zu halten, sie auf das Erwachsenenleben vorzubereiten. Das trifft auf einen YouTuber nicht zu. Ich bin mir ziemlich sicher, dass viele von ihnen 13-jährige Mädels nicht gerade als ihre Traumzielgruppe beschreiben würden. Natürlich produzieren einige Inhalte, bei denen es kein Wunder ist, dass vor allem Kinder und Teenies sie toll finden, aber ich denke dennoch, dass die meisten - vor allem diejenigen, die ihren Content einigermaßen persönlich gestalten - eher eine andere (vielleicht die eigene?) Altersgruppe vor Augen haben, wenn sie gefragt werden, wen sie gerne mit ihren Videos ansprechen möchten. Ich würde mit meinen 23 Jahren sicherlich auch keine Videos produzieren, die nicht meinem Geschmack und damit ja auch in gewisser Weise meinem Alter, meiner geistigen Reife oder wie auch immer entsprechen. Das sieht man ja auch daran, wie sich die Videos bestimmter YouTuber im Laufe der Jahre inhaltlich und stilistisch verändert haben, was bei Taddl und Ardy ja auch schon zur Löschung alter Videos, mit denen sie sich heute nicht mehr identifizieren können, geführt hat. Ich finde keinesfalls, dass ein YouTuber (und auch kein sonstiger Künstler), seine Inhalte irgendwie an seinen Zuschauern ausrichten und dadurch seine Kreativität einschränken muss, es sei denn, er hat sich explizit auf Inhalte für Kinder festgelegt. Das Wort "Zielgruppe" passt mir in Bezug auf die meisten YouTuber, die ich verfolge, sowieso nicht, das klingt immer so, als würden sie die Videos nur mit einem ganz bestimmten Ziel produzieren, das da heißt: Erfolg, Geld, gut ankommen bei einer ganz bestimmten Gruppe von Menschen. Ich weiß nicht, was genau die Jungs zu ihrer Musik und ihren Texten inspiriert hat, aber ganz sicher nicht der Gedanke: Hey, wir müssen was machen, was pubertierende Kiddies gut finden. Und genau deshalb finde ich: wenn sie über Gras rappen wollen, sollen sie über Gras rappen. Natürlich besteht die Gefahr, dass irgendwelche naiven Kinder dadurch anfangen zu kiffen, aber erstens sind DAT ADAM nun wirklich nicht die ersten, die über Gras rappen und zweitens müsste man dann so viele andere Dinge auf der Welt auch verbieten oder, noch besser, gar nicht erst herstellen, und sich außerdem auch über die Verwendung des bösen F-Wortes in "DFA" beschweren. Könnte ja jemand wörtlich nehmen. Taddl, Ardy und Marley können und müssen nicht die Verantwortung für die eventuellen Handlungen von Tausenden Jugendlichen übernehmen. Ob man einen Text wie den zu "Session" jetzt cool findet oder nicht, ist jedem selbst überlassen, er ist jedenfalls in keiner Weise unmoralisch, beleidigend, verfassungsfeindlich oder was auch immer, kurz, ich sehe keinen Grund, warum DAT ADAM ihn nicht hätten schreiben und rappen sollen.

Die ganze Sache mit der Zielgruppe - oder sagen wir eher: den potentiellen Hörern - der Jungs hat aber auch in anderer Hinsicht für viel Diskussion gesorgt und spätestens, nachdem ich Lunas Vlog vom Auftritt bei den Videodays in Berlin gesehen habe, kann ich das auch nachvollziehen. Und zwar bedauern nicht wenige, dass DAT ADAM dort vor einer Meute kreischender, ziemlich junger, hauptsächlich weiblicher Teenies aufgetreten sind. Die einen sagen, die drei hätten ein anderes, erwachseneres Publikum verdient, die anderen befürchten, dass mindestens 80 Prozent der im Publikum vertretenen Jugendlichen die Musik kein bisschen verstehen und/oder nur so tun, als fänden sie sie cool, um nicht selbst als uncool dazustehen. Kann ich beides nachvollziehen und ich denke, man kann die Wahrheit, die darin steckt, nicht wegargumentieren. In diesem Zusammenhang habe ich mich natürlich gefragt, ob ich selbst die EP nur gut finde, weil ich die drei Jungs mag, aber ich denke, ich bin alt genug und habe genug Distanz zur YouTube-Fanszene, um, nachdem mir die Songs auch nach dem zehnten Hören noch gefallen, sagen zu können: Nein, das ist definitiv nicht der Fall. Es ist vielmehr so, dass meine Sympathie für die Jungs durch die Musik um einen weiteren Faktor ergänzt wurde, auch wenn ich mich selbst nicht so umfassend für Rap und amerikanischen Lifestyle begeistern kann wie sie selbst. Abgesehen davon bin ich mir aber ziemlich sicher, dass die Fanbase von DAT ADAM sich - zumindest jetzt am Anfang - zum allergrößten Teil tatsächlich aus den Fans zusammensetzt, die die Jungs durch YouTube haben. Das kann man nicht verhindern und ich bin mir sicher, dass die drei sich dessen absolut bewusst sind. Sie sagen zwar immer wieder, dass sie als Musiker ernstgenommen werden wollen, aber dennoch dürfte ihnen klar sein, dass das nicht leicht wird, wenn man einen YouTube-Hintergrund hat. Aber gerade deshalb ist es aus meiner Sicht genau richtig, einfach mal anzufangen mit der Musik, sich nicht zurückhalten zu lassen von der Idee, dass man das YouTuber-Image nicht ablegen kann. Letztendlich leben die Jungs mit der EP ihre Kreativität und ihre Ideen aus und wenn das dazu führt, dass sie eines Tages vielleicht eine breitere Öffentlichkeit als Musiker begeistern können - umso besser. Im Vergleich zu der Musik anderer deutscher YouTuber (die aber vielleicht gar nicht den Anspruch haben, als Musiker ernstgenommen und nicht immer nur mit YouTube in Verbindung gebracht zu werden) ist die Chrome EP doch extrem vielversprechend, was ihre Chancen auf Anerkennung außerhalb der YouTube-Welt angeht. Natürlich haben es DAT ADAM durch ihre schon vorhandene Bekannt- und Beliebtheit deutlich einfacher als andere aufstrebende Musiker, aber darin kann ja auch eine Chance für die Musik im Gesamten liegen. Vielleicht klingt das naiv, verklärt oder illusorisch, aber wenn die EP in den Charts Erfolg hat, ist es doch naheliegend, dass auch Leute, die mit YouTube nichts am Hut haben, auf sie aufmerksam werden, zumal ihr ja ein gewisser Innovationscharakter zugute gehalten wird. Irgendwie muss man ja anfangen und der Erfolg bei den schon vorhandenen Fans kann ein erster Schritt zu einem allgemeinen Erfolg sein, den ich den Jungs auf jeden Fall gönne. Es wäre ein Fehler gewesen, aus Angst vor Kritik und Geldgeilheits-Unterstellungen (die leider auch nie ausbleiben bei derartigen Projekten) gar nicht erst etwas zu produzieren. Ich denke mir: wenn DAT ADAM mit der EP nur ein paar wenige von den Menschen erreichen können, die sie sich wirklich als Hörer wünschen und denen es wurscht ist, ob die Songs von YouTubern oder sonstwem stammen, dann haben sie erreicht, was sie wollten, und da ist es aus meiner Sicht vollkommen irrelevant, ob nebenbei auch noch Tausende "Falsche" die Musik - ehrlich gemeint oder nur wegen eines Trends - feiern. Natürlich gilt das nicht für das Finanzielle, aber nur, wer von dem leben kann, was er gerne tut, wird auch in Zukunft weiterhin in der Lage sein, seine Ideen zu realisieren und damit wiederum die Menschen zu erreichen, die er erreichen will, und vielleicht auch zu einer Weiterentwicklung der Musikszene im Ganzen beizutragen. Aus einer etwas anderen Perspektive kann man auch sagen: die Jungs haben gemacht, worauf sie Bock haben, und darauf kommt es an (und in dieser Hinsicht haben ihre Texte, vor allem der zu "Forrest", durchaus etwas Positives in Bezug auf die vermeintliche Vorbildfunktion an sich).

Bei der ganzen Sache darf man natürlich nicht vergessen, dass auch hier - wie so ziemlich bei allem, das im weitesten Sinne mit Erfolg zu tun hat - Neid eine große Rolle spielt. Neid darauf, dass die Jungs mit einer vergleichsweise bequemen und vor allem erfolgversprechenden Ausgangsposition eine EP produzieren konnten, bei der von Anfang an klar war, dass sie viele Hörer finden würde. Neid auf das Talent der drei. Neid ganz einfach auf ihr Leben, ihren Erfolg, ihre Reisen, ihre Beliebtheit, ihre Freiheit. Und ganz einfach auch darauf, dass sie sich, im Gegensatz zu vielen anderen, trauen, einfach zu tun, was sie tun wollen. Das betrifft auch die äußerlichen Veränderungen, mit denen viele nicht klarkommen, die aber meiner Meinung nach niemand zu kommentieren hat. Auch ich nicht, über solche Dinge entscheidet einzig und allein die betroffene Person selbst. Und es betrifft ebenfalls Ardys Entscheidung, YouTube weitestgehend den Rücken zuzukehren (Mr. Trashpack bezieht dies in besagtem Video übrigens auf alle drei Jungs, was nicht richtig ist). Diese kann man auch als weiteren Beweis dafür werten, dass es den Jungs wirklich wichtig ist, als Musiker ernstgenommen zu werden. Und dafür, dass Ardy sich nicht verbiegen, sondern tun möchte, was er für richtig hält und womit er sich wohlfühlt. Ich finde die Entscheidung mutig, denn er gibt damit etwas auf, was ihn erfolgreich gemacht hat und was, nebenbei bemerkt, auch DAT ADAM zum Erfolg verhelfen dürfte. Aber für ihn hat es sich vermutlich mehr wie eine Befreiung angefühlt. Natürlich ist es für seine Fans schade, dass er mit YouTube aufhören will, aber sie werden darüber hinwegkommen. Vor allem die, die sich darüber freuen, dass er auf diese Weise in Zukunft mehr Zeit für Musik hat.

Man könnte sicherlich ein ganzes Buch mit einer Analyse der Songs und vor allem ihrer Rezeption durch Fans und Nicht-Fans füllen (hat da ein Verlag Interesse? Haha). Ich mache aber an dieser Stelle Schluss, weil ich im Grunde alles geschrieben habe, was mir momentan zu dieser Sache auf dem Herzen liegt. Ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass dieser Post weder ein übertriebenes Lob für Taddl, Ardy und Marley noch ein Hate gegen Mr. Trashpack, minderjährige Fangirls und/oder diejenigen sein sollte, denen die Musik von DAT ADAM nicht gefällt. Es war nur meine Meinung, die, wie ich nicht verleugnen will, sicherlich ein stückweit von der Tatsache geprägt ist, dass ich die Jungs für talentiert und sympathisch halte (auch wenn ich sie damit selbst nicht gerade unabhängig von ihrem YouTuber-Dasein beurteile). Jeder muss sich selbst mit der Musik auseinandersetzen - und dabei bitte das Hirn einschalten und gegebenenfalls mal die Texte lesen, gibt's alle online. Man muss das nicht gut finden. Man muss keinen Song der Welt gut finden. Stattdessen sollte man tun, worauf man Bock hat (mit ein Grund, warum ich diesen Blog schreibe, den keiner liest) und andere genau das auch tun lassen. Das war jetzt das Wort zum Mittwoch, das ich mit folgendem Zitat aus "Forrest" untermauern möchte: "Die Sprache, in der ich denke, muss nicht jeder verstehen."
9.5.15 10:59


Begrifflichkeiten

Jetzt habe ich endlich mal wieder Zeit und auch Lust, einen neuen Post zu schreiben. Es soll um ein Thema gehen, das mir schon länger im Kopf herumschwirrt und dabei immer wieder mal um neue Aspekte bereichert wird. Eigentlich ist das Wort "Thema" aber fast schon übertrieben, denn es handelt sich eigentlich nur um einen Begriff. Und zwar diesen: "community".

Das Online-Oxford Dictionary definiert das Substantiv community folgendermaßen: "A group of people living in the same place or having a particular characteristic in common". Eine virtual community ist laut der gleichen Quelle "a community of people sharing common interests, ideas, and feelings over the Internet". Hätten wir das schonmal geklärt. Wie wird der Begriff aber im Zusammenhang mit YouTube, von YouTubern und ihren Zuschauern benutzt? Ich denke, die Sache mit den gemeinsamen Interessen ist relativ klar, auch wenn das Interesse sich in einigen Fällen rein auf die Person des jeweiligen YouTubers beschränkt, die alle seine Zuschauer, aus welchen Gründen auch immer, gut oder zumindest für den Augenblick interessant finden. An dem Verb "to share" kann man sich allerdings schon stoßen, wenn man dieses im Internet-Sinne verwendet. Denn in sozialen Netzwerken wird unter "sharing" oder "Teilen" ja verstanden, dass man anderen mitteilt, was man denkt, mag, nicht mag und so weiter. Nur ein Bruchteil der Zuschauer teilt seine Interessen, Ideen und/oder Gefühle zu einem Video mit anderen in Form eines Kommentars oder auch nur einer Bewertung. Und selbst, wenn sich jemand die Mühe macht, einen Kommentar zu verfassen, ist dieser doch nur in den seltensten Fällen aussagekräftig genug, um zu der Vorstellung eines geteilten Gefühls zu passen. Man könnte also an dieser Stelle schon hinterfragen, ob im YouTube-Kontext überhaupt von einer community gesprochen werden kann. Auf der anderen Seite kann man besagtes Verb aber auch anders verstehen und annehmen, dass allein die Tatsache, dass jemand einen YouTuber abonniert hat, schon ein bestimmtes Interesse oder Gefühl ausdrückt, das von anderen Abonnenten durchaus geteilt wird, selbst wenn diese Personen niemals miteinander in Kontakt kommen und über den YouTuber oder seine Videos sprechen. Ein weiteres begriffliches Problem: Kann man überhaupt davon sprechen, dass jeder YouTuber seine eigene community hat oder gibt es nicht vielmehr DIE community auf YouTube im Gesamten? Oder vielleicht sind ja alle Internet-User der Welt insgesamt eine einzige, riesige community, die sich nicht in kleinere Gruppen aufspalten lässt? Ganz so weit würde ich nicht gehen, aber man sollte mal darüber nachdenken.

Ich verstehe aus Zuschauersicht sehr gut, was das community-Gefühl ausmacht. Wenn ich sehe, dass ein Video, das ich gut finde, schon von tausend oder mehr anderen einen "Daumen hoch" bekommen hat, dann bestätigt das auf jeden Fall schonmal, dass ich keinen total abartigen Geschmack habe, den keiner verstehen kann. Damit kann man schon zufrieden sein. Man kann aber auch noch weiter gehen und sich denken: Richtig toll, dass der YouTuber, den ich mag, so viel Unterstützung bekommt und dass es da draußen noch x andere gibt, die sich für das Gleiche begeistern wie ich selbst. Ich glaube, da kann man sich sehr schnell mit Tausenden von fremden Menschen verbunden fühlen. In dem Moment, in dem man ein Video positiv bewertet oder einen netten Kommentar verfasst, definiert man sich ja im gewissen Sinne - jedenfalls für die Online-Welt - über genau diese Begeisterung. Genau so tun das auch andere und dann ist man eben Bestandteil einer community. Aber ist man das wirklich? Ist die community nur der Teil der Zuschauer, der ein Video gut findet und das auch kundtut? Nach dieser Definition hätte ja jedes Video eine andere community, zu der ein Zuschauer mal dazugehört, mal nicht. Oder sind die Abonnenten die community? Oder ist man vielleicht erst dann ein Teil selbiger, wenn man dem betreffenden YouTuber auch auf Twitter und anderen Plattformen folgt? Man merkt, das ist gar nicht so einfach. Natürlich kann man sich die Frage stellen, ob es wirklich wichtig ist, diesen Begriff korrekt zu definieren, und die Antwort darauf lautet sehr wahrscheinlich "Nein", aber ein Grundverständnis dafür, dass dieser Begriff sich nicht ganz leicht erklären lässt, ist wichtig für weitere Überlegungen zur Verwendung desselben.

Während man als Zuschauer nicht viel braucht, um stolz von sich selbst zu sagen: "Ich bin Teil dieser community", stellt sich das Ganze aus Sicht der YouTuber vermutlich ganz anders dar. Ich bin unter anderem deshalb auf dieses Thema gekommen, weil es vor einigen Wochen mal eine ganze Welle von Statements verschiedener YouTuber gab, die sich darüber aufgeregt haben, dass viele andere YouTuber - vor allem auf Twitter - immer wieder übertriebene "Liebesbekundungen" an ihre community veröffentlichen oder veröffentlicht haben. Ich denke, ich muss an dieser Stelle nicht darüber schreiben, dass das Wort "Liebe" so oder so vollkommen fehl am Platz ist, allein schon deshalb, weil die YouTuber maximal einen sehr kleinen Anteil ihrer Abonnenten gut genug kennen, um so etwas wie Liebe für sie empfinden zu können. Auf der anderen Seite ist es aus meiner Sicht aber auch schon fast selbstverständlich, dass ein YouTuber sich bewusst ist, wem er seinen Erfolg hauptsächlich zu verdanken hat, und dass mehrere Hunderttausend Abonnenten oder mehr eine unglaubliche Menge von Menschen und nicht etwa eine bloße Zahl bedeutet. Es geht also um eine gesunde Balance zwischen Dankbarkeit, die man ruhig auch mal äußern kann, und einer Art professioneller Distanz. Die meisten der YouTuber, die ich verfolge, kriegen genau das ziemlich gut hin, soweit ich das beurteilen kann. Trotzdem sprechen viele von ihnen immer wieder mal von "ihrer" community.

Man muss nur mal einen simplen Vergleich anstellen, um zu erkennen, dass der Begriff der community im Zusammenhang mit YouTube offensichtlich anders verwendet wird als in anderen Bereichen. Wenn zum Beispiel eine bekannte Band eine Facebook-Fanseite betreibt, würde sie vermutlich die Leute, die diese Seite geliked haben, nicht als ihre community bezeichnen. Was vermutlich ganz einfach daran liegt, dass es sich bei den Bandmitgliedern nicht um sogenannte Internetpersönlichkeiten handelt. Vielmehr ist die Facebook-Fanseite lediglich eine Art kleines Extra, ein Zusatz zu der Musik, den Konzerten und dem Merchandise, ein Informationskanal, den man als Band nutzen kann, aber nicht muss, und den vor allem auch die Fans nicht nutzen müssen, um die eigentliche Leistung der Band - die Musik - genießen zu können und die Band zu unterstützen. Würde die Band überhaupt irgendwie von einer community sprechen, wären damit vermutlich all diejenigen Leute gemeint, die ihre Musik - in welchem Format auch immer - gerne hören, ihre Konzerte besuchen, ihre T-Shirts tragen und so weiter. Klar. Ein YouTuber aber erbringt und verbreitet seine hauptsächliche Leistung (wenn man mal so trocken wirtschaftlich sprechen möchte), für die er bekannt ist, über das Internet, ohne das ihn vermutlich kein Schwein kennen würde. Natürlich kann diese Leistung ähnliche Nebeneffekte haben wie die einer Band, nämlich, wenn die Leute Merchandise-Produkte kaufen, zu Veranstaltungen wie den Videodays oder gar zu den Live-Auftritten einiger YouTuber gehen. Zuallererst einmal entsteht um einen YouTuber herum aber eine virtuelle community, bei der es gut möglich ist, dass sie sich nie in irgendeiner Form ins reale Leben übertragen wird. Ich denke, ein YouTuber wird seine Twitter-Follower und die Leute, die ihn auf Facebook liken, eher als Teil seiner community ansehen als von einer separaten Twitter community oder einer Facebook community zu sprechen. Denn es ist ja ziemlich unwahrscheinlich, dass jemand einem YouTuber auf Twitter folgt, obwohl er noch nie eines seiner Videos gesehen hat.

Wenn ein YouTuber von "seiner" community spricht, stört mich das allein schon deshalb, weil sich die communities einzelner YouTuber stark überschneiden und sich deshalb nicht abgrenzen lassen. Das ist in vielen Fällen eigentlich ziemlich wurscht. Ich selbst bin, wenn man denn so sprechen will, zum Beispiel gleichzeitig ein Teil von Dners und von Izzis community. Und von Taddls und von Ardys. Kein Ding, das ist fast schon logisch. Aber wie sähe es aus, wenn ich gleichzeitig noch Abonnent und damit nach gängiger Definition Teil der community eines YouTubers wäre, mit dem einer der hier als Beispiel genannten überhaupt nicht klarkommt, vielleicht sogar persönlichen Streit hat? Dafür kann ich jetzt kein konkretes Beispiel nennen und der "Beef" auf YouTube ist ein Thema für sich, aber die Frage, die aus diesem Gedankenexperiment resultiert, ist doch, etwas überspitzt ausgedrückt: wäre ich im Falle eines solchen Streits als Abonnent von YouTuber B noch ein genau so "wertvoller" Bestandteil der community von YouTuber A wie jemand, der YouTuber B nicht abonniert hat? Natürlich kommt es hierbei sehr stark auf das Konkurrenzdenken der betroffenen YouTuber an. Aber sollte YouTuber A ein Video veröffentlichen, in dem er über YouTuber B herzieht und ich als Abonennt von BEIDEN würde einen lobenden Kommentar dazu verfassen, was sagt das dann über meine Loyalität zu YouTuber B und damit meine Zugehörigkeit zu dessen community aus? Ich weiß, das klingt alles gleichzeitig überdramatisiert und vollkommen banal, zumal es vielen YouTubern wahrscheinlich ziemlich egal ist, was ihre Abonnenten sonst noch so treiben. Aber es zeigt doch, finde ich, wie kompliziert sich die ganze community-Sache gestaltet.

Noch eine Frage: ist ein YouTuber Teil seiner eigenen community? Wenn man sich nochmal die Oxford-Definition anguckt, wäre es ziemlich traurig, wenn man darauf mit "Nein" antworten würde, denn das würde ja bedeuten, dass der YouTuber keine gemeinsamen Interessen, Ideen und Gefühle mit anderen teilt, sprich in letzter Konsequenz: dass er seine eigenen Videos nicht gut findet. Über einige wird zwar immer wieder behauptet, dass sie ihre Videos nur (noch) des Geldes wegen machen und sich mit den Inhalten gar nicht (mehr) identifizieren können, aber das will ich niemandem unterstellen. Aber obwohl das in der Definition mit keinem Wort erwähnt wird, denke ich doch, dass eines der Charakteristika einer community eine gewisse Gleichberechtigung der Zugehörigen ist. Jedenfalls in der Theorie. Wenn es bei einer virtuellen community darum geht, dass Ideen, Interessen und Gefühle geteilt werden, dann muss doch auch jeder die gleichen Möglichkeiten haben, genau dies zu tun. Die Abonnenten oder Zuschauer eines YouTube-Kanals sind aber nicht gleichberechtigt mit der Person, die die Inhalte auf diesem Kanal erstellt. Und das sollen sie auch gar nicht sein, denn über die Art der Videos und den Uploadzeitpunkt entscheidet zurecht einzig und allein der Kanalbetreiber, also der YouTuber, der damit vielmehr der Ausgangs- oder Mittelpunkt der community ist und nicht einfach nur ein Bestandteil auf der gleichen Ebene wie ich als einer von - bespielsweise - einer Million Abonnenten.

Wenn ich mir so durchlese, was ich jetzt geschrieben habe, kommt mir das alles etwas wirr und vor allem komplett irrelevant vor. Aber das schwirrte mir eben so im Kopf herum und ich dachte, ich schreibe es mal auf. Schadet ja nicht, zumal diesen Blog eh keiner liest. Ich glaube, der Begriff der community hat sich auf YouTube und auch auf anderen Plattformen so durchgesetzt, weil man als Mensch irgendwie immer das Bedürfnis hat, den Dingen einen Namen zu geben. Was man davon letztendlich hat, sei mal dahingestellt. Und ich verstehe auch, dass YouTuber lieber von einer community als von "Fans" sprechen, weil letzterer Begriff wieder ein gewisses Star-Dasein impliziert, das eine Problematik mit sich bringt, über die ich ja auch schon geschrieben habe. Es macht für mich keinen wirklichen Unterschied, ob ich, wenn ich ein Video schaue, das Gefühl habe, Teil einer community zu sein oder auch nicht. Trotzdem bin ich der Meinung, dass man Begriffe, so etabliert sie auch sein mögen, ruhig mal hinterfragen kann.
1.4.15 12:25


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